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Fontane und seine Leser in den theoretischen Werken

Dalam dokumen Theodor Fontane und das Publikum FINAL (Halaman 167-171)

VI. Leser und Leserbeziehungen in Fontanes Werken

6.2 Fontane und seine Leser in den theoretischen Werken

Rückschlüsse auf seine intendierten Leser und seine schriftstellerische Haltung gegenüber seinem Publikum ziehen könne.

Dieses Zitat zeigt, wie verschiedene Formen der Identifikation wie Bewunderung, Erschütterung, Rührung und Nachempfinden für Fontane die Romanästhetik bestimmten.397 Er fordert Herz und Fantasie auf ansprechende Weise, wobei das Gefühl des Lesers zum

Wirkungsziel und Bewertungskriterium wird. Außerdem betont er den Anspruch auf das Unterhaltend-Nützliche, indem er neben der Leserintegrierung auch eine belehrend-

aufklärerische Funktion des Romans unterstreicht. Diese Belehrung stimmt mit der 20 Jahre früher geschriebenen Tagebuchaufzeichnung über den echten Dichter im Zusammenhang mit einer Shakespeare Aufführung in London überein. Dort bezeichnete er den „ächten Dichter des Volks” als einen Lehrer, dessen Aufgabe darin bestehe, mit seinem Kunstwerk ohne die Miene des Lehrers durch die Darstellung von guten Gedanken und Taten spielend und unterhaltend das Volk zu bilden.398 In einem späteren Essay fehlt aber diese belehrende Aufgabe des Romans. Die Perspektive des Lesers bleibt, in den Mittelpunkt der Romantheorie rückt aber neben die

Gefühlsintensität die Mitwirkung des Lesers durch Erinnerungsarbeit in den Vordergrund:

Das wird der beste Roman sein, dessen Gestalten sich in die Gestalten des wirklichen Lebens einreihen, so daß wir in Erinnerung an eine bestimmte Lebensepoche nicht mehr genau wissen, ob es gelebte oder gelesene Figuren waren, ähnlich wie manche Träume sich unserer mit gleicher Gewalt

bemächtigen, wie die Wirklichkeit.

Also noch einmal: darauf kommt es an, daß wir in den Stunden die wir einem Buche widmen, das Gefühl haben, unser wirkliches Leben fortzusetzen, und daß zwischen dem erlebten und erdichteten Leben kein Unterschied ist als der jener Intensität, Klarheit, Übersichtlichkeit und Abrundung und in Folge davon jener Gefühlsintensität, die die verklärende Aufgabe der Kunst ist.399

Fontanes Ideal ist eine Darstellung der Wirklichkeit, in der sich die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwindet, so dass Kunst und Wirklichkeit kaum zu unterscheiden sind.

397 Siehe Hans Robert Jauss, Kleine Apologie der ästhetischen Erfahrung. Mit kunstgeschichtlichen Bemerkungen von Max Imdahl (Konstanz, Universitätsverlag, 1972) 38.

398 Siehe Anm.1.

399 Theodor Fontane, „Bemerkungen über Paul Lindau, ’Der Zug nach dem Westen’ (1886),” Ach es ist schlimm 23.

Um dies zu erzielen, wünscht sich Fontane ein sehr enges Verhältnis zwischen Autor und Leser.400 Er basiert dabei auf einen vorausgesetzten gemeinsamen Wissensstand (nach Strassen ein kulturelles Modell) mit dem Leser, worauf er bei der Darstellung berufen kann und den der Leser im Akt des Wiedererkennens evoziert. Gleichzeitig betont er die Bedeutung des

Miterlebens, der Identifikation des Lesers mit der dargestellten Figur und der dadurch hervorgerufenen positiven und negativen Gefühle. Um die enge Autor-Leser-Beziehung

rhetorisch zu unterstützen, nimmt Fontane durch die Wir-Formel und den plauderhaften Ton die Haltung der Geselligkeit ein.

Diese Leserorientierung bzw. –wirkung, die Fontane von einem Kunstwerk forderte, charakterisierte seine ganze Tätigkeit als Literatur- und Theaterkritiker. In England hatte er den Feuilletonismus kennengelernt, internalisierte ihn während seiner späteren journalistischen Tätigkeit und entwickelte einen eigenen kritischen Stil, den sogenannten „kritischer

Subjektivismus.”401 Diese Form der Rezension wurde von zeitgenössichen Kritikern und als naiv bemängelt.402 Fontane selbst war seiner fehlenden akademischen Ausbildung bewusst, trotzdem hat er ein kritisches Selbstbewusstsein entwickeln können, das auf einen ästhetischen Instinkt,

„auf Feinfühligkeit künstlerischen Dingen gegenüber” beruhte, und das ihm ermöglichte, kritisch und unabhängig über Kunstwerke urteilen zu können und einen eigenen ästhetischen und

gesellschaftlichen Standpunkt einzunehmen.403 Russel Berman nach sei diese Art Kritik sogar eine Form von Widerstand, eine bewusste Abwendung von den festen, tradierten Normen und von der Objektivität der bisherigen Literaturkritik. Gegen den passiven, von einem autoritären

400 Vgl. John A. McCarthy, „The Dialectics of Reading: An 18th-Century View of Education and Enlightment,”

Informationen zur Erziehungs- und Bildungshistorischen Forschung 24.2 (1984): 139-159; „The Art of Reading and the Goals of the German Enlightment,” Lessing Yearbook 16 (1984): 79-94.

401 Berman, Between Fontane and Tucholsky 48.

402 Vgl. Jörg Thunecke, „Theaterkritiken,” Fontane Handbuch 867-868.

403 Krings 249-251.

Staat geformten Leser forderte Fontane eine aktive und unabhängig denkende Leserschaft. Um diese zu erzielen, stellte er den subjektiven und selbstkritischen Rezensenten als urteilende Instanz in den Mittelpunkt seiner Essays. Den subjektiven Kritiker charakterisierte ein

persönliches, fast vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Publikum, um die Distanz zu ihm zu verringern. Fontanes Darstellungsmittel in dieser Hinsicht waren in erster Linie der plauderhafte Gesprächston in der Wir-Formel und die rein persönlichen Bemerkungen. Ebenfalls versuchte er die Rezeptionsschwierigkeiten seiner Leser zu überwinden, und verwendete oft eine einfache und unterhaltsame Sprache, bildhafte oft dem täglichen Leben entnommene Vergleiche sowie der häufige Gebrauch von Witz und Humor, um seine Kritik zu veranschaulichen, aufzulockern und leicht verständlich zu machen.404 Außerdem bezog er ständig seine Leser in die Arbeit des Rezensenten ein, hinterfragte seine eigene Meinung und lehnte die souveräne Haltung des üblichen Kritikers ab:

Ich bin nicht dafür da, öffentliche billet doux zu schreiben, sondern die Wahrheit zu sagen, oder doch das, was mir als die Wahrheit erscheint. Denn die Anmaßung liegt mir fern, mich als letzte unfehlbare Instanz anzusehen, von der aus kein Appell an höheres denkbar ist. Wer mich aufmerksam liest, wird deshalb in steter Wiederkehr Aeußerungen finden, wie etwa: ‚es will mir scheinen’, ‚ich hatte den Eindruck’, ‚ich gebe anheim’. Das ist nicht die Sprache eines absoluten

Besserwissers. Allen Empfindlichkeiten kann unsereins freilich, von Metier wegen, nie und nimmer gerecht werden.405

Demnach definiert Fontane Wahrheit neu. Sie wird nicht mehr als eine Norm verstanden, sondern als eine ästhetische Kategorie zwischen Autor und Werk relativiert.406 Ähnlich

relativiert Fontane sein eigenes Urteil und fordert damit den Leser zur eigenen Stellungnahme.

Trotz der scharfen Kritik über die Dummheit, Ignoranz und Geschmacklosigkeit des Publikums

404 Krings 355, 361.

405 Theodor Fontane, „Theaterkritiken,” Sämtliche Werke III/2, ed. Siegmar Gerndt (München: Hanser, 1969) 574, zitiert nach Berman 47.

406 Berman, Between Fontane and Tucholsky 49.

wird somit der Leser bei Fontane zum mündigen, urteilsfähigen Rezipienten. Im Zusammenhang mit den Aufführungen der Naturalisten auf der Freien Bühne formuliert er sogar den Wunsch, ein Publikum zu haben, der sich bereit erklärte, aktiv und urteilend an den Stücken der neuen Geschmacksrichtung teilzunehmen:

Es sollte der Versuch gemacht werden, an Stelle von Stücken alten Geschmacks Stücke neuen Geschmacks vorzuführen und ein Publikum, das sich bereit erklärt hatte, diesen Versuch unterstützen zu wollen, sollte dabei sein, sollte ja oder nein sagen, sollte annehmen oder verwerfen. Niemand war zu sichrem künstlerischen Genuß eingeladen, nur zur Feststellung oder kritischen Betrachtung strittiger Fragen und zu Gerhard Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« Stellung nehmen zu können, musste für das Publikum der Freien Bühne zur Genugtuung und Ehre werden, gleichviel ob es in die Lage kam, Verwerfung oder Zustimmung

auszusprechen. Wer als Sicherheitskommissarius ins Theater gehen will, hat, bei Schiller und Shakespearestücken, Gelegenheit genug dazu, wer aber vorhat, neugierig und mutig ins pfadlose Meer hinauszusteuern und nach neuen Inseln zu suchen, der muß darauf gefaßt sein, ebenso gut Caliban wie Miranda zu finden.407 Ähnlich wie diese Forderung an ein Theaterpublikum, das sonst an klassischen Stücken geschult war, für Innovationen auf der Bühne offen zu sein, verlangte Fontane mit seiner Darstellungstechnik und Sprachgebrauch dieselbe Offenheit für Experimente in seinen

Gesellschaftsromanen Effi Briest und ganz ausgeprägt in seinen Spätromanen Die Poggenpuhls und Der Stechlin

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