TH E MA : W A RU M KRIEG ?
T ex te und Pro tok oll e zum Bri efwechsel A lb ert Ei nste in - S igmund Freud
H erausgcge ben vo n Cathrin Pic hler Bruno Krcisky Forum fiir internalionalen Dialog
SCHLEBROGGE.EDITOR
RAGHAVENDRA GADAGKAR - HELGA
NowoTNY
Konflikt od er Koop eration
St rategien tierischer un d m enschlicher Gemeiuschafteu
RAGHAVENDRA GADAGKAR
kh habe den Briefwechsel zwischen Einstein und Freud eingehend studiert. Fiir mich sieht es so aus, als hatte Einstein eben deshalb Freud als Diskussionspartner iiber die Kriegsfrage ausgewahh, weil er hoffte, <lass dieser in der Lage sein wiirde, etwas Licht in die Sache zu bringen. War es die menschliche Natur selbst? Machte es die mensch- liche Natur unvermeidlich, <lass es Kriege gab? Und nati.irlich gait es auch, die Frage zu klaren, ob man etwas an der menschlichen Natur veriindern konnte, um Krieg iiberhaupt zu vermeiden.
Ein bekannter Begriff in diesem Kontext ist der ,,Killer-lnstinkt". Es ist die Frage, ob wir wirklich einen solchen Totungsinstinkt in uns tragen und ob es diese Lust am Toten ist, die Krieg als solchen unvermeidlich macht. Die Vorstellung von einem Aggres- sionstrieb erlangte Beriihmtheit <lurch ein Buch, <las Konrad Lorenz vor vielen Jahren schrieb, Das sogenannte Bose. Zur Naturgeschichte der Aggression. Dafi.ir erhielt er, der als einer der Yater der tierischen Verhaltensforschung gilt, auch den Nobelpreis. Tat- sachlich war es <las erste und bisher einzige Mal, <lass <las Nobelpreiskomitee von seiner strikten Definition <lessen, was Physiologie oder Medizin zu sein habe, abwich. Bekannt- lich gibt es Nobelpreise fur Physik und fur Chemie, nicht jedoch fur Biologie oder Zoo- logie. Stattdessen gibt es einen Preis fur Physiologie und Medizin, der gewohnlich sehr Streng und eng definiert wird w1d somit die meisten Biologen aus dem Kreis der Anwarter ausschlieBt.
Aber 1973 machten die Nobelpreis-Juroren eine Ausnahme und verliehen den Preis drei Wissenschaftlem, die sich mit tierischem Verhalten beschaftigten, und Konrad Lorenz war einer davon. Er hat einen bedeutenden Beitrag zur vergleichenden Verhal- tensforschung geleistet, aber ich muss anmerken, dass ich in vielen Punkten, die er in dem genannten Buch anspricht, anderer Meinung bin. Dies war <las Buch, in dem er die Vorstellw1g verbreitete, dass wir Menschen einen natiirlichen Killer-lnstinkt besaBen. Er vertrat die Ansicht, <lass Tiere, anders als Menschen, selten Artgenossen toten und <lass es einzig bei uns Menschen einen ,,gefahrlichen Uberschuss an Kriegertugenden" gebe -
fiir die wir heute kein passendes Ventil hatten. Vieles von dem, was in diesem Buch behauptet wird, ist von der Zeit iiberholt worden. Die modeme Verhaltensforschung hat gleichermaEen bei beiden - bei Tier und Mensch - eine komplexe Mischung aus Kon- flikt-w1d Kooperationsverhalten aufgedeckt. Es gibt keinen Grund, das Aggressions- potential des Menschen hervorzuheben oder zu glauben, dass wir allein mit einem KiJJer- Instinkt belastet waren.
Ich selber untersuche Insekten, die in Sozialstaaten zusammenleben. Die Ge- sellschaften der lnsekten sind unseren eigenen in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ahn- lich. Soziale Insekten leben in Kolonien, sie erkennen sich untereinander, helfen sich ge- genseitig, kampfen miteinander, sie arbeiten zusammen und teilen die Arbeit unterein- ander auf, und sie opfem sogar ihr Leben fiir die Gemeinschaft. Und es gibt viele erkenn- bare Parallelen zu menschlichen Gesellschaften. Ich erforsche diese Gesellschaften des- halb, weil ich den Mechanismus verstehen mochte, der bei ilmen das Gleichgewicht zwi- schen Kooperation und Konflikt zum Kippen bringt. Honigbienen sind ein extremes Beispiel fiir kooperative Tiere. In einer Honigbienenkolonie gibt es nur eine einzige Ko- nigin, die dort die gesamte Fortpflanzung besorgt, und dazu zwanzig-bis vierzigtausend Tausend Individuen, die Tochter dieser Konigin, die ihr gesamtes Leben fi.ir das Wohl- ergehen der Konigin und ihrer weiteren Nachkommen aufopfem. Diese Bi~nen wiirden tatsachlich Sie oder jeden anderen Eindringling stechen, um ihre Kolonie zu beschiitzen - obwohl ein Stich fiir sie den sofortigen Tod bedeutet. Wenn eine Honigbiene ihren Stachel in einen Korper sticht, kann sie ihn nicht mehr herausziehen. Und wenn sie es versucht, reiBt sie ihren Unterleib auf - sie !asst ihren Stachel, die Giftdriise und einen Teil ilirer Gedarme auf ihrem Opfer zuriick, wahrend sie davonfliegt - nur um einige Minuten spater zu sterben. Die Giftdri.ise, die in fhrer Haut stecken geblieben ist, pumpt noch melirer Sekunden Jang Gift in Iliren Korper. Das ist sicherlich eine sehr effektive Art, Gift abzusondem, aber for die Biene verlauft sie ti:idlich. Und Bienen zogern niemals, wenn es darum geht, Sie zu stechen, falls Sie sich ihrer Kolonie nahem. Sie sehen also, es gibt extreme Formen der Zusammenarbeit und Uneigenniitzigkeit.
Oder betrachten Sie eine Gruppe von Ameisen, die ein Nest bauen, das sie fiir ihr Oberleben beni:\tigen. Die erwachsenen Ameisen miissen zu Hunderten zusammen wir- ken, um Blarter herbeizuschaffen, sie auszurichten und schliefilich mit Seidenfaden zu verknupfen. Erwachsene Ameisen stellen jedoch keine Seidenfaden her. Nur die Larven konnen das. Wenn also die Blatter erst einmal in einer Linie aufgereiht sind, dringen die Ameisen ins Innere des Nestes und bringen eine Larve heraus. Die Larven besitzen diese fahigkeit, Seide herzustellen, und sie tun es fiir ihren eigenen Gebrauch. Wenn sie sich verpuppen, spinnen sie um sich selbst herum einen Mantel aus Seide, damit sie nicht aus-
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trocknen. Aber nun wird die Larve von den erwachsenen Bienen in der richtigen Weise gedriickt und gequetscht, so <lass sie nicht anders karm, als ein wenig Seide fiir <las Gemeinwohl zu spenden. Eine solche Seidenspende ist natiirlich kostspielig fiir die Larve, weil ihr jetzt nur mehr ein Bruchteil der Seidenmenge fiir den Eigenbedarf zur Verfiigung steht.
Wenn wir Tiere erforschen, sehen wir keineswegs nur Zusammenarbeit oder Un- eigenniitzigkeit. Wir sehen auch eine ganze Menge Konflikte. Wenn die Tiere auch ko- operieren und einander helfen, so kampfen sie <loch auch gegeneinander und manchmal toten sie einander sogar. Es gibt sehr beruhmte Beispiele dafiir. Das blutrlinstigste bietet wahrscheinlich eine Affenart in Indien, die so genannten Hanuman-Languren. Diese Hanuman-Languren leben in zwei Arten von Gruppen zusammen. In den einen, den ,,zweigeschlechtlichen Trupps", Jeben mehrere erwachsene Weibchen, ihre Kinder und ein einzelnes dominantes Mannchen zusammen. In den anderen versammeln sich die verbliebenen Mannchen, die deshalb als ,Junggesellentrupps" bezeichnet werden.
Von Zeit zu Zeit attackieren lndividuen aus denjunggesellentrupps den mannlichen Anfiihrer der Gmppe mit den Weibchen, besiegen ilm und iibemehmen den Harem. In die- sem Fall kann es geschehen, <lass <las neue Mannchen all die Sauglinge toter, die noch vom Vorganger ge~eugt wurden. Das hat den Effekt, <lass die Mutter der getoteten Kleinkinder rascher wieder bmnftig werden. So kommt der morderische Stiefvater rascher zu einer eigenen Nachkommenschaft, als wenn er auf den Kindsmord verzichtet hatte.
Sarah Blaffer Hrdy, eine amerikanische Anthropologin, kam mehrere Jahre lang eigens nach Indien, um diese Affen zu studieren. Im Gegensatz zu Konrad Lorenz ge- langte Hrdy nach Beendigung ihrer Forschungen zu der Ansicht, ,,dass die Languren- Mannchen ihre Weibchen heftig umkampfen und dass dabei Artgenossen manchmal getotet werden". AuBerdem sind Languren in dieser Hinsicht keineswegs einzigartig.
Eine gauze Reil1e von Arten ist in jiingster Zeit zur Liste jener Lebewesen hinzugefiigt worden, die ihre Kollegen toten - und nicht nur, um sie aufzufressen. Dazu gehoren so unterschiedliche Gruppen wie Lowen, Flusspferde, Baren, Wolfe, Wildhunde, Hyanen, Ratten, Hasen, Lemminge, Herings-Mowen, Storche, europaische Drosseln, Adler und fiinfzehn verschiedene Primatenarten - oder sechzehn, wenn man den Menschen dazu zahlt.
Also findet man irn Tierreich Kooperation und Konflikt, Nachstenliebe und selbstmorderische Bienen, sowie Languren, die den Mord an Kleinkindem praktizieren.
Bedauerlicherweise existieren aber, was die Biologie und die Natur der Tiere tmd des
Menschen betrifft, zahlreiche Mythen. Auf drei dieser Mythen mochte ich heute einge- hen. Dem ersten zufolge fiihrt Darwins Theorie der nariirlichen Zuchtwahl unausweich- lich zu ,,unmoralischer", wetteifemder SelbstSucht. Zurn Gliick ist das vollig falsch. Die gleiche Darwinsche Theorie kann genauso gut zu ,.moralischer" Zusammenarbeic und liebevoller Selbsdosigkeit fuhren. Und natiirlich war sich Darwin <lessen durchaus be- wusst. Wenn Sie Darwin einmal genau lesen, werden Sie sehen, dass er sehr wohJ beide Moglichkeiten ins Auge gefasst hat.
Der zweite Mythos ist neueren Datums, die Theorie vom so genannten ,,egoisti- schen Gen". lhr zufolge schafft der Fortpflanzungstrieb selber ,,unmoralische", wettstrei- tende, egoistische Individuen. Und auch das ist vollkonunen falsch. Das ,,egoistische Gen" kann seine Trager sowohl darauf programmieren, ,,unmoralische", wetteifemde Egoisten, oder aber ,.moralische", kooperative und liebevolle AJtruisten zu sein - je nach den Lebensumstiinden, in denen die Individuen sich befinden. Und auch Richard Dawkins und Edward 0. Wilson, die iiblicherweise als Vater der Theorie des egoistischen Gens genannt werden, sind sich dieser Tatsache sehr wohl bewusst.
Der dritte Mythos gehort weit mehr ins Zentrum unserer heutigen Diskussion.
Demnach triigen wir, so heiBt es, eine Oberdosis dieses Killer-Instinkts iry uns, und das ware die ursachliche Wurzel allen Obels - der menschlichen Konkurrenzkiimpfe, Kon- flikte und Kriege. Und ich denke, auch das ist vollkommen falsch. Nicht nur, dass es da- fiir keine tauglichen Beweise gibt, sondem es gibt tatsachlich zahlreiche Gegenbeweise.
Unsere Gene konnen uns gleichermaRen fiir den Frieden wie fiir den Krieg riisten, eben- so fiir Konflikt wie fi.ir Kooperation.
Wie ich schon sagte, diese ldee wird Konrad Lorenz zugeschrieben, und ich muss gestehen, dass Lorenz dazu beigetragen hat, diesen Mythos fortzupflanzen. Meine eigene Forschungsarbeic zielt darauf ab, dieses prek.1re Gleichgewichc zwischen Kooperation und Konflikt naher zu uncersuchen. Beispielsweise in meinem Buch Survival Strategies.
Cooperation and Conflict, in Animal Societies, einem Buch das ich fiir ein nichc-akademi- sches, ein so genanmes Laienpublikum geschrieben habe. Meine forschw1gsarbeic hac deut- lich gezeigt, dass sowohJ Konflikt als auch Kooperation moglich sind. Fakt ist, class es beim Leben in Gesellschaften immer nur darum geht, diese feine Balance zwischen Kooperation und Konflikt einzuhalten. Es gibt nur selten den Fall der reinen Kooperation oder des reinen Konflikts. Besteht Kooperation, !asst der Konflikt niche lange auf sich warten, und bei einem Konflikt isc Kooperation in der Regel auch nicht weit. Es geni.igen bereits ganz geringe Ver- schiebungen im Gleichgewicht der genetischen oder umweltbedingcen Faktoren, um die Balance von dem einen Zustand zum anderen kippen zu !assen.
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Nehmen wir einmal die Honigbienen unter die Lupe. Trotz ihrer legendaren Zu- sammenarbeit und Selbstlosigkeit, die bis zur Selbstaufopferung gehen kann, sind die Kolonien der Honigbienen nicht eben konfliktfrei. Obwohl die Arbeitsbienen sich nicht paaren und fur gewohnlich nicht einmal unbefruchtete Eier legen, passiert es <loch, <lass man bei einer sehr geringen Anzahl von Arbeiterinnen auch eine sehr kleine Menge un- befruchteter Eier vorfindet. Weil Honigbienenkoniginnen sich mehrfach paaren, sind die Arbeiterinnen enger mit den unbefruchteten Eiem ihrer Koniginmutter als mit den unbe- fruchteten Eiem verschwisterter Mitarbeiterinnen verwandt sind. Daher konnte man die Voraussage wagen, <lass die Bienen die Eier zerstoren, die ihre Kolleginnen gelegt haben, und nur jene Eier groRziehen, die von der Konigin stammen. Und dafiir gibt es durch- aus experimentelle Daten. Der Punkt, auf den es mir hier im Wesentlichen ankommt, ist der, <lass es selbst in einer Honigbienenkolonie subtile Formen des Konflikts gibt. Theo- retisch ware nun auch die Annahme untermauert, <lass die Arbeiterinnen den unbefruch- teten Eiem ihrer Schwestem den Vorzug vor den Eiem ihrer Mutterkonigin geben wiir- den, wenn sich die Mutterkonigin nur mit einem einzigen Partner paaren wiirde. Die Biologie ist voll von solchen Beispielen, wo <las Gleichgewicht zwischen Kooperation und Konflikt sehr, sehr Jabil ist und die ganze Geschichte sehr rasch in die eine oder andere Richtung kippen kann.
HELGA NOWOTNY
We1m wir uns auf <las Thema Biologie und menschliche Gesellschaften einlassen - und natiirlich interessiert uns die Thematik deshalb, weil wir herausfinden wollen, was wir von der Biologie, die ja Teil unserer eigenen Natur ist, iiber uns selbst erfahren kon- nen - dann betreten wir sogleich ein potentielles Minenfeld. Nikolaas Tinbergen, einer der Yater der Ethologie, sagte einmal: ,,We1m Sie etwas iiber menschliche Gesellschaften erfahren wollen, wenden Sie sich nicht der Tierwelt zu. Lesen Sie besser Dostojewski oder Shakespeare."
Das ist eines der Friihwarnsignale, die man beachten muss, wenn man dieses Ter- rain betritt. Es ist ein potentiell explosives Gebiet, weil es in der Geschichte zahlreiche Versuche gegeben hat, menschliche und tierische Gesellschaften miteinander zu verglei- chen und <las dabei Gefundene oder Entdeckte zu instrumentalisieren. Es gibt viele Bei- spiele dafiir, <lass Menschen sich der Natur zugewandt haben, um Antworten auf die Frage zu erhalten, was wir in der Gesellschaft tun sollten. Mir anderen Worten, die Natur- wissenschaft hat sich immer auch mit Fragen der Moral beschaftigt. Aber die Natur sagt
uns nicht, was wir tun sollen. Die Natur sagt uns nur, was ist. Die Frage, was wir tun sollen, miissen wir selbst beantworten.
Aber es gibt auch viele Beispiele fur den so genannten Anthropomorphismus, also fur die Haltung, menschliche Zi.ige auf Tiere zu projizieren. Und dann erhalt man wieder eine Art Mischung aus dem, was ist, und dem, was sein sollte, ein voreingenommenes Urteil iiber gut und bose. Freilich gibt es auch die Kehrseite dieses Phanomens, die Frans de Waal Anthropodenial nennt, die mutwillige Verleugnung alles Menschlichen im Tier.
Es gibt Menschen, die meinen, wir sollten eine klare Trennungslinie zwischen Mensch und Tier ziehen und die Unterschiede deutlich hervorheben.
Frans de Waal hat in seiner Arbeit mit Schimpansen Pionierarbeit fur das Konzept einer tierischen Kultur geleistet. Er behauptet, <lass in der spezifische11 Imeraktion zwi- schen Schimpansen Elemente von Kultur vorhanden sind. Die iiltere Gt;neration gibt das Gelemte an die jiingere weiter, sie lemen z. B., wie man Kartoffeln sch~t oder was man rnit einem Stock alles machen kann. Das sind Anfange einer Kultur. Andere Leute haben dieser Ansicht allerdings auf das Heftigste widersprochen. Noch and~re Kontroversen werden weitergefuhrt. In den 1970er Jahren gab es sehr engagierte Bio Ip gen, die, wie ich sagen muss, zum Tei! wohl auch (selber) glaubten, <lass nun alles, was sich im gesell- schaftlichen Leben und in der Gesellschaft abspielte, allein durch ditr Biologie erkliirt werden konnte. Umgekehrt gab es Soziologen, einige Politikwissenschaftler u. a., die dem vehement widersprachen und von der Biologie rein gar nichts horen wollten. Meine Kol- legin Ulica Segerstrale hat die Kontroverse um die Soziobiologie ausfuhrlich dargestellt.
Und dann gibt es noch zusatzlich <las Problem mit der Sprache, Wir benutzen in der heiBen Debatte um die Soziobiologie Begriffe, wie etwa Altruismus oder Egoismus, die wir in der Biologie in einer eigenen, sehr prazise definierten Bede4tung verwenden.
Professor Gadagkar konnte Ihnen die Prozentzahlen nennen, wenn er iiber genetische Gesamtfitness spricht und dariiber wie unterschiedlich <las Ergebnis beispielsweise bei Neffen und Briidern ist. Und <loch, wenn wir diesen Begriff horen, stellt sich bei uns das- selbe Gefiihl ein, wie wenn wir jemanden als egoistisch oder altruistisch bezeichnen. Der Umgang rnit der Sprache stellt ein schwieriges Problem dar.
Andererseits hat es aber auch eine Reihe von Erkenntnissen i.iber <las Kontinuum zwischen tierischen und menschlichen Gesellschafren gegeben. Ander? ausgedriickt: Es gibt Uberschneidungen mi( dem, was auch als ,,Politik" der Schimpansen bezeichnet wurde. Die Parallelen sind so markant, dass man in der Tat sagen kann, es existiert eine Art von ,,Politik" bei den Schimpansen, die wir empirisch nachweisen und verstehen konnen.
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Es gibe auch neuere Versuche, eine Amwort auf die Frage zu geben, ob Tiere Schmerz empfinden, ob sie Emotionen haben? Der Philosoph Thomas Nagel schrieb vor langer Zeit einen beri.ihmten Artikel mfr dem Titel Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?
Wir sind dabei, eine Antwort auf die Frage zu finden, in welcher Weise Tiere uns im Kognitiven ahneln, ob sie Emotionen kennen und Schmerz empfinden konnen. Die Evo- lutionstheorie hat groRe Fortschritte erzielt und ist dabei auch in jene Bereiche vorge- drungen, in denen menschliches Verhalten von Gesellschaftswissenschaftlem untersucht wird.
Ahnliches trifft auch auf die Wirtschaftswissenschaften zu. Es gibt einen Zweig, der sich experimentelle Okonomie nennt, bei dem Leute wie Ernst Fehr und Kollegen experimentelle Spiele mit Studenten und anderen Freiwilligen durchfi.ihren, um jeweils egoistisches oder altruistisches Verhaltens nachzuweisen Man gibt den Probanden einen Anreiz, aber man droht ihnen zugleich auch damit, class man ihnen das, was man ihnen gegeben hat, wieder wegnelunen ko1rnte, falls sie sich nicht in einer besrimmten Weise verhalten. Ernst Fehr und seine Mitarbeiter haben nun gezeigt, dass Menschen ganz all- gemein dazu neigen, Aussteiger oder Abtriinnige zu bestrafen, selbst wenn sie mit den betreffenden Personen spacer nie wieder etwas zu tun haben. Wenn jemand nur Vorteile aus einer Gruppe ziehen, aber der Gruppe nichts zuriick geben will, dann gibt es Indi- viduen in der Gruppe, die dieses Verhalten missbilligen und bereit sind, die Trittbrett- fahrer auf eigene Kosten zu bestrafen. Das Tauschmittel in diesen Spielen ist Geld, was das Experiment vereinfacht. Es gibt neue tools (or modelling und neue Methoden, die eingesetzt werden, um diese Art von evolutionarem Strang in tierischen und menschli- chen Gesellschaften zu erforschen.
Als Tauscheinheit wird bei diesen Spielen Geld eingesetzt, was die Experimente vereinfacht. Es stehen heute aber auch andere, neue Werkzeuge der Modellerstellung und neue Methoden zu Verfiigung, um diesen evolutionaren Strang in menschlichen und tierischen Gesellschaften zu erforschen. Es treten jedoch auch mehrere Unterschiede zutage, wenn wir iiber die Evolutionstheorie bei Tieren und Menschen sprechen. Zu- nachst einmal unterscheidet sich die Zeitskala. Die Evolution in der Narur hat zeitliche Dimensionen, die weir iiber das hinausgehen, wofi.ir sich menschliche Gesellschaften interessieren. Unser Interesse gilt dem Hier und Heute, in unserer Generation, innerhalb unserer eigenen Lebensspanne. lnteUektuell verstehen wir zwar, dass es andere GroRen- ordnungen der Zeitenfolge gibt, aber im Grunde interessieren wir uns nicht allzu sehr fi.ir sie. Der andere Unterschied ist, dass die Evolution keinen Zweck als solchen kennt.
Es gibt kein Ziel der Evolution, auRer dem, was Biologen als reproduktiven Erfolg be- zeichnen, einschlie©ich der genetischen Fitness. Wahrend wir uns in menschlichen Ge-
sellschaften immerzu neue Zielsetzungen ausdenken und Absichten haben - und selbst wenn wir unsere Ziele nicht immer erreichen, stellen sie machrige Antriebskrafte dar.
kh denke, das sind einige der Unterschiede - aber auch einige der Fortschritte, die erzielt worden sind. Trotzdem isr die Wamung, die ich ganz am Anfang ausgespro- chen habe, immer noch aktuell. Der Bereich ist potentiell voller Missverstiindnisse. Ich sehe das immer wiederkehrende Risiko eines Ri.ickfalls in eine Rechtfertigung menschli- cher Handlungsweisen <lurch Hinweise oder Verweise auf die Natur, was jeder Grund- lage entbehrt.
Lassen Sie mich erwas i.iber menschliche Gesellschaften sagen, und i.iber die zahl- reichen Konflikte. Nati.irlich gibt es neben den Konflikten auch eine permanente Koope- ration, aber das ist heute Abend weniger unser Thema. Wir wollen versuchen zu verste- hen, warum Konflikte entsrehen, warum es Gewalt in Gruppen gibt, warum Zank und Zwietracht. Wir konnen eine Entwicklung beobachten, eine Evolution der Komplexitat des menschlichen Zusammenlebens, angefangen von den Stammesgmppen bis hinauf zu unserer gegenwartigen globalen Gesellschaft. lnteressanterweise gibt es nichts in der Evolutionstheorie, was auf eine Zunahme der Komplexitiit hindeutet. Und <loch ge- schieht genau das. Wir versrehen nicht, warum es passiert. Aber es passiert. Gleichzeitig besteht immer die Moglichkeit des Ri.ickschrins tmd eines Riickfalls in weriiger komplexe Gesellschaftsformen. Das Risiko, in die Barbarei und auf eine Stufe der Unmenschlichkeit zuriickzufallen, besteht immer. Damit muss man rechnen. Die Evolution der Komple- xitat iihnelt dem, was der Soziologe Norbert Elias als ,,Wrr-Ich-Balance" bezeichnet hat.
Es ist eine Verschiebung des Gleichgewichts vom Individualinteresse hin zum Gmppen- interesse, dem Handeln tmd Verhandeln im Namen der Gruppe. Das Gleichgewicht ver- schiebt sich, je nachdem wie umfassend das angesprochene ,,Wir" ist. Es hiingt auch noch von einigen anderen Faktoren ab.
Aus meiner Perspektive sehe ich zwei grogere Reizschwellen zum Krieg, und bei- de sind miteinander verbunden. Die erste grogere Schwelle hangt mit dem Aufkommen des Nationalstaats zusammen. Das Erreichen der Staatsform war die erste Stufe der Orga- nisation menschlicher Gesellschaften, bei der das Monopol der Gewaltausiibung auf den Staat (als einer i.ibergeordneten transindividuellen lnstanz) i.iberging. Der Staat behielt sich das Recht vor, tmd erwarb die dazu notige Macht, die Gewalt innerhalb seines eige- nen Herrschaftsgebietes und i.iber die Menschen, die innerhalb seiner Grenzen und unter seinem Schutz lebten, auszui.iben. Das Entstehen des Nationalstaats hat zur Definition des Krieges als ,,organisierten Konflikrs zwischen Staaten" gefiihrt. Nati.irlich haben wir es mit einer ganz anderen Grogenordnung des Konflikts und der Gewaltanwendung zu
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run, wenn es Staaten sind, die miteinander Krieg fuhren. Die zweite, groBere Schwelle war die zentrale Stellung, die die Naturwissenschaften und die Technik bei der Ermogli- chung und Ausweitung des Gebrauchs von Gewalt bei Kriegen erlangten. Dieser Prozess begann mit dem Entstehen der modemen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert und hat in seiner zerstorerischen Wucht seitdem ungeheuer zugenommen. Natiirlich ist die Technik immer schon zu Kriegszwecken verwendet worden. Aber ich denke doch, class mit den modernen Naturwissenschaften eine noch hohere Stufe dieses Prozesses erreicht wor- den ist. Das ist nicht nur eine Frage der schrecklichen Zerstorungskraft der Waffen, die wir mit den Narurwissenschaften und der Technik, einschlieBlich der Moglichkeit einer atomaren Ausloschung, assoziieren. Es betrifft auch die enorme Schubkraft, die die Na- rurwissenschaften und die Technik weiterhin und immer noch <lurch die Ri.istungsin- dustrie erhalten. Die Geschichte der Narurwissenschaften und der Technik ist voller Bei- spiele fur Ideen und Erfindungen, die aus dem Krieg geboren wurden oder ihre Existenz dem Interesse der Militiirs an einer Untersti.itzung naturwissenschaftlicher und techni- scher Forschung verdanken.
Das Kriegsaufgebot und die enorme Mobilisierung naturwissenschaftlich-techni- scher Kapazitaten bringen es auch mit sich, dass die normalen Finanzierungsbeschriin- kungen aufgehoben werden. Das Militiir erteilt eine Generalvollmacht, sein Budgetrah- men lautet, ,,Koste es, was es wolle", sein Befehl: ,,Schafft alles herbei, was wir brauchen fur den Sieg." Dieser Auftrag beschriinkt sich nicht allein auf die technische Ausri.isnmg, sondern umfasst den gesamten Organisations- und Planungsbereich. Operations Research z. B. wurde irn Wesentlichen wiihrend des Zweiten Weltkriegs entwickelt.
Nach dem Krieg erfuhr sie eine enorme Verbreirung und hatte eine durchschlagende Wirkung auf die Art und Weise, wie unsere Gesellschaften funktionieren. Am Ende des Kalten Kriegs keimte die - !eider unerfi.illte - Hoffnung, class es nun eine Friedens- dividende geben wiirde. Wir wissen heute, class dies ein Traum war, der sich nicht erfiillt hat. Stattdessen wurde der Kriegseinsatz, zumindest partiell, <lurch den wittschaftlichen Konkurrenzkampf ersetzt.
Was mit dem Nationalstaat als Hauptmotor der modernen Kriegsfi.ihrung in die Welt gekommen ist, mag umstritten sein. Unstreitig aber gibt es Leute, die der Meinung sind, class wir eine Stufe, ein Stadium, ein Entwicklungsniveau erreicht haben, wo man von einer De-nationalisierung, ja sogar von einer Privatisierung des Krieges sprechen kann. Faktisch ist es so, wenn man die heute irgendwo in der Welt gefi.ihrten Kriege ein- mal nach Kategorien aufteilt - und in dem vorliegenden Beispiel handelt es sich um eine Statistik, die ich fur das Jahr 2000 gefunden habe -, class nur 9 Prozent in die konven- tionelle Kategorie des Krieges fallen wi.irden, wiihrend es sich bei 40 Prozent um Anti-
Regime-Kriege handelte, um Formen von Biirgerkriegen, die Volker fuhren, um sich eines unerwiinschten Regimes zu entledigen; 32 Prozent wollten eine Abspaltung vom gemeinsamen Territorium erreichen und eigene Staaten errichten. Und 18 Prozent der Kriege waren undefinierbarer Art. In vielen Regionen der Welt ist heute eine neue Form der Kriegsfiihrung aufgekommen, von relativ geringer Intensitat, mit Kriegshauptlingen, Kindersoldaten und einer Finanzierung aus dem Drogengeschaft, dem Diamanten- schmuggel oder dem Transport illegaler Giiter iiber die jeweiligen Grenzen. Hier gibt es Veranderungen, die damit zusamrnenhiingen, wie sich der Nationalstaat verandert hat, zumindest verglichen mit vergangenen Jahrzelmten.
Kooperation und Konflikt, da stimme ich mit meinem Vorredner vollig iiberein, miissen als zwei Seiten der gleichen Miinze betrachten werden und deshalb auch ge- meinsam untersucht werden. Die wirklich interessante Frage ist indessen, unter welchen Bedingungen eine Situation sich zu einem Konflikt weiterentwickelt und welche Bedingungen die Beibehaltung einer gewissen minimalen Kooperation ermoglichen.
Dieser Prozess wird sehr oft als eine Form des Lemens angesehen, als eine Antwort auf die Frage, ob wir aus den Fehlem der Vergangenheit lemen konnen. Ich denke nicht,
<lass man aus der Geschichte direkt etwas lernen kann, aber ein Lemprozess findet sehr wohl statt.
J.
B. S. Haldane, den Professor Gadagkar erwalmt hat, war ein charismati- scher britischer Biochemiker - und Kommunist, der mit seiner Meinu~g nicht hinter dem Berg hielt und der seinen Lebensmittelpunkt schlieRlich nach lndien verlegte. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem es ja noch die Trerumng gab zwischen jenen, die unmit- telbar an der Front kampften, und den anderen im Hinterland, schrieb Haldane, <lass es im nachsten Krieg, <lessen Kommen er bereits voraussah, eine solche Trennung nicht mehr geben wiirde. Der Krieg wiirde iiberall gefuhrt werden, und jeder wiirde sehen, was fur ein grauenvolles Geschaft <las ware.Das gibt uns noch keinen Grund fur iibermaRigen Optimismus. Im optimistischen Lager sagen manche Leute: ,,Sehen Sie <loch nur einmal was wir mit der Europaischen Union alles erreicht haben." Und tatsachlich, es ist zur Zeit unvorstellbar, <lass ein Krieg zwischen Mitgliedstaaten der Europaischen Union ausbrechen konnte. Aber es gibt auch die Perspektive der AuRenstehenden. Der amerikanische Autor Robert Kagan, behauptet in seiner Vergleichsstudie zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, <lass Europa sei- nen ewigen Frieden nur deshalb genieRen kann, weil die USA die Hegemonialmacht in der Welt darstellen und <lurch militiirische lnterventionen weltweit fur Ordnung sorgen.
Was wir heute besser verstehen ist jedenfalls, wie wichtig der Aufbau von Institu- tionen ist. lnstitutionen sind hoch entwickelte Formen menschlicher Zusammenarbeit.
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Wir verstehen auch die Faktoren der Beschleunigung und Beschwichtigung bei der Konfliktlosung und bei der Erhaltung des Friedens besser. Lassen Sie mich noch einmal auf Einstein und Freud zuri.ickkommen. Die gnmdlegende Frage in Einsteins Brief an Freud lautete: Unter welchen Bedingungen konnen Menschen sich iindem und in wel- cher Art konnen diese Bedingungen geiindert werden, und wie kann die Menschheit von der Plage des Krieges befreit werden? Durch den Vergleich von menschlichen und tieri- schen Gesellschaften erhalten wir zumindest eine Teilantwort, wenn wir auf die Band- breite des Verhaltens unter verschiedenen Konflikt-und Kooperationssystemen achten sowie auf die Bedingungen, unter denen sie auftreten. Fiir die menschlichen Gesell- schaften bedeutet dies, dass Institutionen und der Unterschied, den sie bewirken kon- nen, genau betrachtet werden miissen. Wir haben allen Grund, pessimistisch zu sein, wie iiblich, aber wir haben auch so manchen Gnmd, optimistisch zu sein. Was die gewon- nenen Erken.ntnisse betrifft, wiirde ich sagen, dass ich personlich es sehr faszinierend finde, wenn damit begonnen wiirde, einige der U.ntersuchungsmethoden einzusetzen, die fur menschliche und tierische Gesellschaften ahnlich anwendbar sind.
Wir benutzen Modelle fiir Verhaltensweisen, wir verwenden Simulationsmodelle fiir kii.nstliche Lebensfom1en, mit denen man zeigen kann, wie menschliche Gesellschaf- ten sich verhalten und wie ihr Verhalten sich weitere.ntwickeln kon.nte. Jedes Modell beginnt mit einem Satz vereinfachter Annahmen. Jedes Modell verfiigt iiber Grenzen, die mit zunehmender Erkenntnis gelockert werden miissen. Und zum Schluss muss man in die Welt hinausgehen und empirische Daten sammeln, empirische Arbeit leisten, um zu sehen, wie das Modell in der Wirklichkeit funktioniert. Aber da sehe ich Gnmd zu vor- sichtigem Optimismus - immer vorausgesetzt, dass wir lemen, neue Arten von Fragen zu stellen, die fur menschliche und tierische Gesellschafren ahnlich sind.
(Aus dem Englischen iibersetzt von Tom Appleton)