BEGRÜNDET VON
Gustav Gröber
HERAUSGEBER
Claudia Polzin-Haumann Wolfgang Schweickard
REDAKTION
Christian Schweizer
ZEITSCHRIFT
FÜR ROMANISCHE
PHILOLOGIE
2015 · BAND 131 · HEFT 4
Roland BAUER
Paul Videsott,Padania scrittologica. Analisi scrittologiche e scrittometriche di testi in italiano settentrionale antico dalle origini al 1525(Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie, 343), Tübingen, Niemeyer, 2009, XVII + 624 p.
Der vorliegende Band geht auf die im Jahr 2003 an der Leopold-Franzens-Uni-versität Innsbruck eingereichte Habilitationsschrift des Autors zurück. Dieser ist kurz darauf (2006) an die Freie Universität Bozen gewechselt, wo er seither an der Fakultät für Bildungswissenschaften (Abteilung Ladinistik, Brixen) für die uni-versitäre Ausbildung ladinischer Grundschullehrer/innen und Kindergärtner/in-nen zuständig ist.1
1Cf. dazu den Bericht zum 10jährigen Bestehen der Ladinischen Abteilung der Freien Universität
Bozen unter <http://www.unibz.it/de/education/events/eventsoverview.html?NewsID=65062> [zuletzt eingesehen am 11.11.2014]. Cf. ferner Hinweise in Rifesser/Videsott (2011, 26, 46).
DOI 10.1515/zrp-2015-0083 ZrP 2015; 131(4): 1119–1127
Bereitgestellt von | De Gruyter / TCS Angemeldet
Dem Vorspann der auf Deutsch verfassten Erstversion (Videsott 2003) ist zu entnehmen, dass diese gleichsam als Pilotstudie verstanden wird, die erst im Rahmen der Drucklegung v. a. durch eine Erweiterung des
Untersuchungsgegen-standes maßgeblich ausgebaut bzw. vervollständigt werden soll. Das Corpus belief sich ursprünglich auf 893 analysierte altnorditalienische Texte, in der nun vorliegenden Version wurden 1.165 Dokumente (mit insgesamt 558.892 Wörtern)
2
berücksichtigt. In einer tabellarischen Übersicht [64–227] werden fast doppelt so
viele, nämlich insgesamt 2.064 Dokumente aufgelistet, die ausgehend vom Ende des 12. Jahrhunderts (Dichiarazione di Paxia, 1182) bis zur Veröffentlichung von
Pietro BembosProse della volgar lingua(1525) reichen und die somit die Periode des Altitalienischen abdecken. Die ursprüngliche Idee, auch einen Vergleich mit moderneren Skriptae, i.e. mit nach 1525 entstandenen Texten durchzuführen, wurde offensichtlich wieder fallen gelassen. Der Überhang an zwar chronologisch aufgelisteten, aber nicht weiter analysierten Dokumenten (43%) wurde von mir als indirekter Hinweis darauf gelesen, dass es sich bei der vorliegenden Arbeit nach wie vor umWork in progresshandle. Ein Blick in ein aktuelles CV des Vf. zeigt allerdings, dass der gegenständliche Untersuchungsgegenstand, also die weitere Bearbeitung des so genannten Corpus Scriptologicum Padanum (abge-kürzt CorPS und nicht etwa CorSP) mittlerweile vom Autor selbst als abgeschlos-sen betrachtet wird.3So gesehen ist der Nutzen dieser immerhin gut 160
Druck-seiten einnehmenden Dokumentation (i.e. der Tabelle zum gesamten CorPS) für die vorliegende Arbeitpost festummit einem kleinen Fragezeichen zu versehen. Für die Leser wäre es u. U. dienlicher gewesen, anstelle der Eckdaten der vielen,
in diesem Kontext später nicht berücksichtigten Texte exemplarisch einzelne Schriftdokumente (z. B. je eines pro Skripta-Zentrum) bzw. Ausschnitte daraus
samt innerlinguistischem Kommentar zu den graphischen Besonderheiten ab-zudrucken.
Was die Strukturierung des Bandes betrifft, so ist abgesehen von Tabellen und Auflistungen sowie von Bibliographie, Indizes und Illustrationen, die gut zwei Drittel des Gesamtumfangs ausmachen, von einem knapp 200 Seiten starken
2 Zur Wortsegmentierung und zur händischen Zählung der Worteinheiten wurde auf die in den
jeweiligen Editionen aufscheinenden Leerzeichen zwischen zwei Einträgen zurückgegriffen. Ab-kürzungen wurden dabei mitgezählt. Zur prinzipiellen Problematik der Ermittlung von Wort-grenzen in historischen Dokumenten und zu weiterführenden Lösungsansätzen, die nicht nur mit Lücken zwischen Textobjekten operieren, cf. Feldbach (2006).
3 CV des Vf. vom Januar 2014:
<www.unibz.it/en/organisation/viewstaffpdf.customhandler?per-sonid=24> [zuletzt eingesehen am 11.11.2014]. Die schon in Videsott 2005 propagierte Veröffent-lichung des kompletten bibliographischen Registers aller Texte des CorPS ist heute nicht mehr im Internet auffindbar. Ebenfalls nicht realisiert scheint die vor rund 10 Jahren «für die nahe Zukunft» in Aussicht gestellte Publikation des gesamten Corpus.
Textteil auszugehen, der sich im Wesentlichen in drei Hauptabschnitte gliedert, nämlich 1. «Introduzione» [7–63], 2. «Analisi scrittologiche» [269–406] und
3. «Analisi scrittometriche» [407–418].
Im Einleitungskapitel wird zunächst das zentrale Ziel dieser v. a.
skriptolo-gisch (und nur in geringerem Maße skriptometrisch)4ausgerichteten Arbeit
darge-legt, i.e. das Nachzeichnen der Entwicklung der nicht literarischen, volkssprach-lichen Schriftsprache Norditaliens anhand handschriftlich überlieferter Texte von den Anfängen bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Dabei geht Vf. von der
Hypothese (bzw. von dem «presupposto classificatore elementare» [7]) aus, dass die norditalienische Sprach- bzw. Dialektlandschaft in phonetischer Hinsicht schrittweise toskanisiert und somit letztendlich von einem galloromanischen in einen italoromanischen Sprachtyp übergeführt wurde, wobei den mittelalterli-chen Graphietraditionen in diesem Zusammenhang eine mitentscheidende Rolle zugestanden wird. Die Zentralfrage der Inkommensuralität von dialektaler Lau-tung und deren VerschrifLau-tung ist Vf. dabei bewusst, die Problematik der Plausibi-lität daraus ableitbarer Schlussfolgerungen bleibt jedoch weiter bestehen.5
Datenseitig sollte sich die Studie bzw. die dabei erstellte Datenmatrix auf 36 oberitalienische bzw. dialektal dem «italiano settentrionale»6zuzuordnende, so
genannte «Schreibzentren» stützen (cf. infra). Dazu zählen 31 italienische Städte7
sowie fünf extraterritoriale, u. a. auf genuesische und venezianische Kolonien
bzw. Enklaven zurückgehende Vergleichspunkte, nämlich 3 Caffa/Kafa
(Halb-insel Krim), 5 Monaco, 18 Bellinzona (Tessin), 30 Zara (Kroatien) und 31 Aleppo
(Syrien). Die Einbeziehung letzterer (zu deren Auswahlkriterien der Leser leider nicht viel erfährt) sollte in einer (schon 2003 und hier erneut angekündigten) Ausbauphase des Projekts die vergleichende Untersuchung der so genannten «lingue coloniali» ermöglichen [23]. Sechs Messpunkte wurden mangels ausrei-chender Daten entwederpost festumwieder ausgeschieden (so Punkt 8
Alessan-dria) oder aber anhand zu geringer Dokumentation nur mit entsprechendem
4Der Terminusscriptométriegeht übrigens bereits auf Gossen (1979, 276) zurück.
5Cf. dazu (mit Bezug auf die Herausbildung des Standardfranzösischen sowie mit
vergleichen-dem Blick auf das Standarddeutsche) Grübl (2013, hier: 375).
6Vf. beruft sich dabei auf die Einteilung von Tagliavini (1972, 396 [1998, 319]), der zufolge das
Galloitalienische (verstanden als Piemontesisch, Lombardisch, Ligurisch und Emiliano-Roma-gnolisch), das Venedische und das Istrische in die norditalienische Dialektgruppe fallen.
72 Genua, 4 Savona, 6 Turin, 7 Vercelli, 8 Alessandria, 9 Novara, 10 Lodi, 11 Mailand, 12
Berga-mo, 13 Brescia, 14 Cremona, 15 Sondrio, 16 Mantua, 17 Pavia, 19 Trient, 20 Piacenza, 21 Parma,
22 Reggio Emilia, 23 Modena, 24 Bologna, 25 Ferrara, 26 Imola, 27 Ravenna, 28 Rimini, 29
Vene-dig, 32 Padua, 33 Vicenza, 34 Treviso, 35 Belluno, 36 Verona, 37 Udine (eigentlich im
Wider-spruch zum o. a. Auswahlkonzept «italiano settentrionale», cf. supra FN 6).
Vorbehalt im Corpus belassen,8 so dass von den ursprünglich 36 angepeilten
Datensätzen eigentlich nur 30 zählbar bleiben.
Zu jedem dieser «Schreibzentren» stehen 320 sprachliche (graphische) Eigen-schaften auf dem skriptologischen Prüfstand. 29% davon betreffen den Vokalis-mus, 40% den KonsonantisVokalis-mus, 30% die Morphologie, Syntax und Lexikon finden kaum Berücksichtigung. Alle Merkmale werden, beginnend mit dem pho-netisch relevanten Kriterium 1 (lat.ÁÁ[+→<e> vs. toskanisch <a>, wie z. B.SÁCRASÁCRA→
Udinesegravs. tosk.sagra) bis hin zu Kriterium 320 (Verwendung des
etymolo-gisch-onomasiologischen TypsSÓRORSÓROR, «sorella», z. B. Zarasor), in extenso
tabella-risch aufgelistet [28–48].
In den Zellen der Datenmatrix selbst ist als Merkmalsausprägung die absolute Häufigkeit des jeweils gewählten Kriteriums anhand der 1.165 untersuchten Do-kumente vermerkt. Diese (im Prinzip nicht literarischen Texte) stammen allesamt aus gedruckten Editionen (elektronische Corpora wurden nicht berücksichtigt) und liegen dem Vf. in Form von Fotokopien vor. Sie gehören zwar 11 verschiede-nen Textsorten an, der Löwenanteil bezieht sich jedoch auf allgemeine Dokumen-te und AkDokumen-ten (46%), Briefe (20%), juridische DokumenDokumen-te (18%) und StatuDokumen-ten (10%). In 4% der Fälle wurden jedoch auch halb- bzw. para-literarische sowie extrem kurze «Texte» (mit teilweise sogar weniger als 10 Wörtern) in das Corpus aufgenommen, um bei einzelnen Städten drohende Datendefizite auszugleichen. Durch die oben genannten Abweichungen von den ursprünglich angedachten Auswahlkriterien ergibt sich ein mitunter starkes Ungleichgewicht, was die Re-präsentation der jeweiligen Skripta-Zentren im Corpus9betrifft. So gibt es
einer-seits für Städte, zu denen sehr bzw. zu viele Dokumente vorlagen (wie z. B. Genua
8 Es handelt sich um die Orte 7, 15, 21, 22 und 27, zu denen Vf. festhält: «un corpus più ampio
potrebbe significativamente modificare i risultati ottenuti» [24s.]. Kurioserweise waren in der Erstversion bei geringfügig weniger analysierten Dokumenten nur vier Messpunkte auf Grund von Datenlücken und/oder unzureichender Datenmenge als unberücksichtigt vermerkt gewesen. Dabei war auch angekündigt worden, diese Lücken durch die «Verwendung nicht edierter Texte» (Videsott 2003, 14) in einem nächsten Arbeitsschritt schließen zu wollen. Diese nicht edierten
Texte lägen mittlerweile zwar z. B. für 8 Alessandria vor, Vf. hat sich aber auch hier offensichtlich
von der ursprünglichen Idee verabschiedet und stützt sich nach wie vor ausschließlich auf «documenti già editi» [24]. So gesehen bleiben zwei Fragen offen: Wie erklärt sich trotz einer Erweiterung des Corpus die 50%ige Zunahme der ungenügend dokumentierten Schreibzentren
(von vier auf sechs)? Warum wurden die offensichtlich unzuverlässigen Datensätze nichttout
courtaus dem Corpus eliminiert und somit auch aus den vielen, im Anhang abgedruckten Karten getilgt, in denen sie zumeist lediglich als weiße Flecken ohne jegliche bzw. als eingefärbte Polygone ohne verlässliche Aussagekraft aufscheinen?
9 Das tatsächlich berücksichtigte Corpus (1.165 Dokumente) wird in der Arbeit mit CorPS DEF
bezeichnet, während CorPS allgemein für die aus 2.065 Texten bestehende, größere Textsamm-lung (Tabelle 3 [64–227]) steht.
oder Mailand), laut Vf. ein maximales Limit von 27.500 Wörtern,10manche
Zen-tren wie etwa Bergamo, Udine, Zara oder Padua weisen jedoch z. T. deutlich mehr
Einträge im Corpus auf. Venedig schließlich kommt auf über 42.000 Wörter, während etwa Sondrio nur mit einem einzigen Dokument mit 65 Wörtern in der Untersuchung vertreten ist. Das Missverhältnis liegt also im Extremfall bei rund 1 : 650, anders ausgedrückt beeinflusst die venezianische Skripta das
Gesamt-ergebnis zu 7,5% und jene Paduas macht sich mit 6,9% bemerkbar, wohingegen Sondrio nur zu 0,01%, Parma zu 0,04% oder Reggio zu 0,12% dazu beiträgt!
Eine eigene Tabelle gibt [238] darüber Auskunft, in welchen der fünf vom Vf. vorgegebenen Zeitabschnitte11 die analysierten Texte fallen. Hier zeigt sich die
älteste Periode (4%) deutlich unter- und die jüngste Periode (41%) stark über-repräsentiert. Wie man einer Karte [459] entnehmen kann, stehen zu einigen «Schreibzentren» überhaupt keine Dokumente aus der Zeit vor 1450 zur Ver-fügung. Laut einer chronologischen Rangfolge stammen die ältesten Texte domi-nant aus dem Veneto und aus Ligurien. Weitere Tabellen [240–267] informieren
über die Zuordnung der Dokumente zu den Städten, zu den Textsorten und anteilig zu den fünf o. a. Perioden.
Die skriptologisch ausgerichteten Analysen werden im zweiten Hauptkapitel [269–406] vorgestellt. In methodischer Hinsicht stützt sich Vf. dabei
hauptsäch-lich auf zwei Kennwerte, die bereits aus den frühen Skripta-Arbeiten von Hans Goebl (z. B. 1975) bekannt sind. Dies sind einerseits der WertFrel, der sich auf die
relative Frequenz der analysierten Kriterien in der Datenmatrix bezieht, und andererseits der WertDabs, der für die Differenz zwischen dem absoluten und dem gemäß Gesamtvorkommen theoretisch erwartbaren Auftreten steht. Frel
basiert auf einer einfachen Formel und errechnet sich im Grunde mittels Division der Okkurrenzen eines Merkmals durch die Anzahl der analysierten Wörter. Kommt ein Merkmal z. B. fünfzigmal in 2.000 Wörtern vor, so ergibt dies einen
relativen Frequenzwert von 2.50012bzw. von 2,5%. Für die gesamte Untersuchung
ergibt sich bezogen auf das 558.892 Wörter umfassende Corpus eine relative Präsenz der berücksichtigten Merkmale im Bereich von 30%, d. h. immerhin
knapp jedes dritte Wort im Corpus weist eines der 320 vorgegebenen, für den oberitalienischen Skriptatypus als konstitutiv erachteten Kriterien auf. Die auf den beiden genannten Kennwerten basierenden Einzelergebnisse werden meist
10 Je 5.000 für die Perioden I–IV, 7.500 Wörter für Periode V [239]. Zur Aufteilung der Perioden
cf. FN 11.
11 Periode I = vor 1300, II = 1301–1350, III = 1351–1400, IV = 1401–1450, V = 1451–1525.
12 50 / 2.000 * 100.000 = 2.500.
in Form färbiger Polygonkarten präsentiert, wie sie auch aus dialektometrischen Anwendungen bekannt sind.13
Den Auftakt machen Kartenserien (und begleitende Tabellen), die u. a. die
kontinuierliche Abnahme derFrel-Werte über die Zeit (von 38% in Periode I auf
knapp 23% in Periode V), i.e. die zunehmende Aufgabe eigener Merkmale und die
Annäherung der oberitalienischen Skripta an den Standard aufzeigen. Die höchs-tenFrel-Werte treten im Schnitt in den friaulischen, venedischen und piemontesi-schen Punkten auf, während etwa die lombardische oder die ligurische Skripta den Innovationen tendenziell «freundlicher» gegenüberzustehen schien und dementsprechend mehr Parallelen zum Toskanischen aufweist. Die Tatsache wiederum, dass in vielen Zentren dieFrel-Werte erst sehr spät (Periode V) unter
den Durchschnitt fallen, wird dahingehend gelesen, dass nach 1450 eine beson-ders starke «spinta toscanizzatrice» [283] wirksam geworden sei. Abweichungen von den o. a. Generaltendenzen werden durchwegs corpusbedingt erklärt, wobei
hier auch die Berücksichtigung von Kopien aus dem 16., 17. oder 18. Jahrhundert
eine entscheidende Rolle zu spielen scheint. So stützt sich beispielsweise fast das halbe Subcorpus zu Bergamo auf eine Abschrift derStatuti di Averrara(1313) aus dem Jahr 1720.
Um einzelne Graphien bzw. graphische Besonderheiten innerhalb des skrip-tologischen Diasystems lokalisieren zu können, stellt Vf. 30 der 320 untersuchten Kriterien im Rahmen der skriptologischen Besprechung von acht Merkmalsgrup-pen näher vor (und verweist bezüglich der Detailanalyse weiterer Merkmale auch hier auf einen «momento successivo» [290]). Das Auftreten der einzelnen graphi-schen Besonderheiten wird einerseits der Wirkung des jeweiligen dialektalen Substrats zugeschrieben (so v. a. bei hohenFrel-Werten), andererseits aber auch
auf eine etymologisierende bzw. latinisierende Graphie zurückgeführt. Die relati-ve Verteilung einzelner Merkmalsausprägungen im Untersuchungsraum wird jeweils anhand einer Reihe von Tabellen und vieler14Polygonkarten illustriert. So
erschließt sich etwa, dass die Graphie <er(o)> aus lat.‑ÁRIUÁRIU bei einer absoluten
Frequenz von 829 Okkurrenzen (Gesamt-Frel= 148) erstens über den gesamten Beobachtungszeitraum vertreten ist und dabei zweitens v. a. in der
piemontesi-13 Die entsprechenden Kartenvorlagen wurden im Übrigen in der an der Universität Salzburg
beheimateten Dialektometrie-Werkstatt von Slawomir Sobota erstellt und Vf. zur Verfügung gestellt. Gleiches gilt für die Einspeisung und Weiterverarbeitung der Daten im Programmpaket
Visual DialectoMetry, VDM(cf. dazu Bauer 2009, 201–205).
14 Manchmal wird dabei m. E. etwas über das Ziel geschossen, nämlich dort, wo in den Karten
keine oder nur ein bis zwei der 36 Messpunkte eingefärbt sind, wo also die Karte als solche
heuristisch nicht aussagekräftiger ist als ein Kurzkommentar in einer Fußnote. Dies gilt etwa für die Karten 11 [472s.] oder 46 [506s.].
schen, lombardischen und venedischen Skripta vorkommt,15 während <er(o)>
etwa in der Emilia überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Dort zeigt sich stattdessen verstärkt <ar(o)> (Karte 7 [467]). Sehr informativ sind in diesem Zusammenhang
die zu jeder Merkmalsausprägung passend präsentierten Ausschnitte aus den analysierten Dokumenten! Die Besprechung jeder Merkmalsgruppe wird von einem kurzen Fazit abgeschlossen, in dem die wichtigsten Aspekte der diachro-nen und der diatopischen Verteilung der aufgetretediachro-nen Ausprägungen zusam-mengestellt sind. Bezogen auf das o. a. Beispiel wären dies: hohe Frequenz und
komplementäre Verteilung der hier als konstitutiv für die oberitalienische Skripta angesehenen Graphien <er(o)> und <ar(o)> vs. Marginalität des Typs <air>.
Die (in dieser Arbeit eigentlich nur kurz angedeutete) skriptometrische Untersuchung [407–418] bedient sich der Methoden der numerischen
Taxono-mie, wie dies im Rahmen der Dialektometrie bei der Verrechnung basilektaler Daten der Fall ist. Ausgangspunkt ist beide Male die Datenmatrix, die mittels Ähnlichkeitsmessung (hier anhand der Manhattan-Metrik, DMM) in eine Ähn-lichkeitsmatrix verwandelt wird, welche ihrerseits die Basis für die Generierung von Ähnlichkeitsprofilen und anderen visualistischen Heuristika darstellt. Der Vf. diskutiert exemplarisch drei (von 35 möglichen) Ähnlichkeitskarten, so u. a.
eine zu Punkt 2 Genua. Hier zeigt sich im Bereich des höchsten
Ähnlichkeits-intervalls eine bezüglich ihrer Kompaktheit und Plausibilität sehr «schöne» Klassenbildung des ligurischen Sprach- bzw. Skriptaraums, in den abgesehen von Savona auch die ehemaligen genuesischen Kolonien Monaco und Kafa (Teile der mittelalterlichen Seerepublik Genua) fallen. Am anderen Pol der Wer-teskala, also dort, wo die aus Sicht der genuesischen Skripta unähnlichsten «Schreibzentren» liegen, finden sich mit dem Nordostausschnitt des Unter-suchungsraums jene ostlombardisch-trentinisch-venedischen Gebiete, die auch räumlich am weitesten vom Prüfbezugspunkt Genua entfernt sind. In einer Zwischenpunktkarte treten die markantesten Abschottungen («Isoglossenbün-del») zwischen Friaul (Udine) und dem Veneto sowie zwischen Piemont und der Lombardei auf, während die clusteranalytische Auswertung (aus der vier Punkte wegen des geringen Anteils am Corpus ausgeklammert wurden) zunächst eine Zweiteilung in eine westliche und eine östliche Skripta-Klasse ausweist. In weiterer Folge «emanzipieren» sich die Skriptazentren im Bereich von bzw. um Mailand und Venedig.
Die wichtigsten Ergebnisse (u. a. später Toskanisierungsschub; Mailand und
Venedig besonders, Turin und Udine hingegen wenig innovationsfreudig) finden sich in einem Schlusswort [419–422] synoptisch zusammengestellt, das der Biblio-15 Zum BeispielCAMPANÁRIUCAMPANÁRIU→camperin Bergamo oderCOCINÁRIUCOCINÁRIU→cosinerin Mailand.
graphie [423–454] vorangeht, in der die verwendeten Editionen und die bis 2006
erschienene Fachliteratur verzeichnet sind. Der Anhang [455–624] besteht zum
überwiegenden Teil aus den bereits mehrfach erwähnten 159 skriptologischen
und skriptometrischen Polygonkarten.
Bis auf ganz wenige Ungereimtheiten (z. B. Zählfehler p. 48 unten: 95 [nicht
85] morphologische Merkmale; p. 602 fehlt gänzlich?) ist der Band sehr sauber
redigiert. Auch der Forschungsansatz und die (zweifellos sehr zeitaufwändige) Durchführung der Untersuchung nötigen Respekt ab, genauso wie außer Frage steht, dass die Arbeit eine (im Gegensatz zur galloromanischen Forschung) in der italianistischen Skripta-Szene bislang klaffende Lücke maßgeblich zu ver-kleinern, wenn schon nicht ganz zu schließen imstande ist. Das insgesamt sehr positive Bild wird hauptsächlich durch zwei Umstände getrübt, nämlich einer-seits durch die bereits oben mehrfach angesprochene, z. T. sehr problematische
Komposition des Corpus bzw. durch die nicht konsequente Umsetzung der eigenen Vorgaben. Diese wird zwar oft mit einem Verweis auf zukünftige Arbei-ten entschuldigt, ein Gutteil dieser Ankündigungen hält freilich selbst ein Jahr-zehnt später einer Verifizierung nicht stand. Insofern bleibt der an der ober-italienischen Skriptaforschung interessierten Comunitas zu wünschen –und ich
tue dies bewusst im Gleichklang mit anderen Rezensenten,16
–dass das Projekt
CorPS nicht gänzlich ad acta gelegt sei, und die in Aussicht gestellten «Repara-turen» und ausgleichenden Ergänzungen doch noch zeitnah umgesetzt werden können.
Bibliographie
Bauer, Roland,Dialektometrische Einsichten. Sprachklassifikatorische Oberflächenmuster und Tiefenstrukturen im lombardo-venedischen Dialektraum und in der Rätoromania, St. Martin in Thurn, Istitut Ladin Micurà de Rü, 2009.
Feldbach, Markus,Segmentierung und strukturbasierte addaptive Erkennung von Gebrauchs-schrift in historischen Dokumenten, Diss., Magdeburg, Otto-von-Guericke Universität, 2006, [abrufbar unter: <http://diglib.uni-magdeburg.de/Dissertationen/2006/marfeldbach.pdf>; zuletzt eingesehen am 19.11.2014].
Goebl, Hans,Qu’est-ce que la scriptologie?, Medioevo Romanzo 2 (1975), 3–43.
Gossen, Carl Theodor,Méditations scriptologiques, Cahiers de civilisation médiévale 22 (1979), 263–283.
Granucci, Fiorenza,[Rezension zu Videsott, Paul, Padania scrittologica. Analisi scrittologiche e scrittometriche di testi in italiano settentrionale antico dalle origini al 1525, Tübingen, Niemeyer, 2009], Archivio per l’Alto Adige 106–107 (2012–2013), 774–777.
16 Cf. z. B. Granucci (2012–2013, 777) und Wilhelm (2013, 251s.).
Grübl, Klaus,La standardisation du français au Moyen Âge: point de vue scriptologique, Revue de linguistique romane 77 (2013), 343–383.
Rifesser, Theodor/Videsott, Paul (edd.),L ladin tl sistem formatif/Das Ladinische im Bildungs-system/Il ladino nel sistema formativo, Bozen, Bolzano University Press, 2011.
Tagliavini, Carlo,Le origini delle lingue neolatine. Introduzione alla filologia romanza, Bologna, Pàtron,61972 [deutsche Übersetzung:Einführung in die romanische Philologie, Tübingen/ Basel, Francke,21998].
Videsott, Paul,Padania scriptologica. Skriptologische und skriptometrische Untersuchungen zu altnorditalienischen Texten von den Anfängen bis 1525, Innsbruck, Institut für Romanistik, 2003 [Habilitationsschrift, unveröffentlichtes Typoskript].
Videsott, Paul,CorPS–Corpus Scriptologicum Padanum: Ein neues norditalienisches skriptolo-gisches Corpus, in: Pusch, Claus D./Kabatek, Johannes/Raible, Wolfgang (edd.), Romanisti-sche Korpuslinguistik, vol. 2:Korpora und diachrone Sprachwissenschaft/Romance
Cor-pus Linguistics II: Corpora and Diachronic Linguistics, Tübingen, Narr, 2005, 177–190. Wilhelm, Raymund,[Rezension zu Videsott, Paul, Padania scrittologica. Analisi scrittologiche e
scrittometriche di testi in italiano settentrionale antico dalle origini al 1525, Tübingen, Niemeyer, 2009], Romanische Forschungen 125 (2013), 248–252.
Prof. Dr. Roland Bauer:Universität Salzburg, Fachbereich Romanistik, Erzabt-Klotz-Str. 1,
A-5020 Salzburg, E-Mail: [email protected]