III. Literaturverbreitung
3.1 Die Industrialisierung und ihre gesellschaftlichen Folgen
Die Industrielle Revolution setzte in Deutschland in den 40er Jahren ein, konnte sich aber erst nach 1850 voll entwickeln.109 Die technischen Erfindungen und Erneuerungen machten größere Produktion und schnellere Distribution auf allen Gebieten der Wirtschaft möglich. Für die Literaturproduktion waren die Erfindungen in den Printmedien (wie z.B. die Setz-, Rotations- und Drahtheftmaschinen in den 1870er Jahren) am wichtigsten, denn durch sie wurde die billige und massenhafte Herstellung von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern möglich. Für die
Verbreitung der Literatur waren die Erfindungen von neuen Verkehrs- und
109 Hohendahl, Literarische Kultur 58.
Kommunikationsmitteln, wie die Eisenbahn, der Telegraf und das Telefon sowie die Entwicklung des Postwesens von großer Bedeutung.110
Mit der Industrialisierung gingen auch grundlegende gesellschaftliche Veränderungen einher, die auch auf den Wandel des literarischen Publikums einwirkten. Ein wichtiger Faktor war das starke Bevölkerungswachstum durch die verbesserten Lebensumstände im 19.
Jahrhundert, wozu die Fortschritte der Medizin, Verbesserung der Hygiene und die steigende Produktion in der Landwirtschaft, und später auch die Gebietserweiterungen nach den Kriegen 1864/66 (Schleswig-Holstein) und 1870/71 (Elsass-Lothringen) erheblich beitrugen. Das
Bevölkerungswachstum und die Industrialisierung hatten auch negative Folgen, so vor allem der wachsende Pauperismus. Mit dem Niedergang des Handwerks wuchs das städtische Proletariat, mit der Agrarkonjunktur und den neuen Besitzverhältnissen auf dem Lande entstand ein großes Agrarproletariat. Demzufolge begann eine Binnenwanderung vom Land in die industriellen Ballungszonen und Städte, die eine Beschleunigung der Verstädterung, die schon am Ende des 18. Jahrhunderts begann, mit sich brachte.111
Die Urbanisierung war einer der wichtigsten Faktoren für den Wandel des literarischen Publikums. Urbanisierung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutete einerseits eine quantitative Änderung, indem die Zahl der Stadtbewohner und damit die Zahl der Mittel- und Großstädte wuchs, aber es kam auch zu vielen Neugründungen. Um 1800 lebte nur ein Viertel der Bevölkerung in Städten, im Jahre 1871 schon mehr als ein Drittel und um die
Jahrhundertwende die Hälfte der Menschen. In den Großstädten mit mehr als 100000
Einwohnern lebten im Jahre 1871 nur 5% der Menschen, um 1900 erhöhte sich diese Zahl auf
110 Vgl. Erich Schön, „Die Geschichte des Lesens,” Handbuch Lesen, eds. Bodo Franzmann et al. (München: K.G.
Saur, 1999) 39.
111 Vgl. Faulstich Medienwandel 9-10 oder Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bügerwelt und starker Staat (München: Beck 1998) 205.
20%.112 Andererseits brachte es auch eine qualitative Änderung des Lebensstils, so den Wandel der Arbeitsverhältnisse, Zeitplanung, Freizeitgestaltung, Kommunikationsgewohnheiten usw.113 Die Stadt mit ihren Lesecafés, öffentlichen Bibliotheken, Theatern, Museen Parkanlagen wurde zum Zentrum literarischer Kommunikation. Die Nähe zu diesen Institutionen bot den neuen Massen eine Möglichkeit zur Bildung, und zum Zugang zur Literatur und Kunst.114 Sie wurden anfangs von den untersten Schichten beschränkt genutzt, denn sie haben wegen ihrer dürftigen finanziellen Grundlage, schlechten Schulbildung, miserablen Wohnverhältnisse und Mangel an Freizeit vorgezogen, in ihrer eng begrenzten Freizeit sich vor allem durch physische Aktivitäten und weniger durch Lektüren zu erholen.115 Erst mit der Erscheinung des Kolportageromans und der billigen Massenpresse wurden sie zu einem neuen potenziellen Lesepublikum.
Alphabetisierung und Bildung waren ebenfalls wichtige Aspekte für die Expansion neuer Leserschichten. Die Alphabetisierung des Volks erfolgte zwar zum Teil infolge der industriellen Revolution, jedoch hat sie, wie Engelsing in seiner Studie Analphabetentum und Lektüre (1973) betont, mehr zur Modernisierung der Wirtschaft beigetragen, als umgekehrt.116 In der frühen Phase der Industrialisierung war es noch üblich, ungebildete Arbeiter anzustellen, was mehr zur Stagnation der Alphabetisierung führte. Zu dieser Zeit war es eher das religiöse Motiv, die christliche Lehre besser zu verstehen, was die Ausdehnung der Literarität in den Unterschichten
112 Wolfgang R. Langenbucher, „Das Publikum im literarischen Leben des 19. Jahrhunderts,” Der Leser als Teil des literarischen Lebens. Eine Vortragsreihe mit Marion Beaujean, Hans Norbert Fügen, Wolfgang R. Langenbucher, Wolfgang Strauß, ed. Forschungsstelle für Buchwissenschaft an der Universitätsbibliothek Bonn. Kleine Schriften.
(Bonn: Bouvier-Grundmann, 1972) 57.
113 Wehler 12.
114 Hohendahl, Literarische Kultur 316.
115 Dieter Langewische and Klaus Schönhoven, „Arbeiterbibliotheken und Arbeiterlektüre im Wilhelminischen Deutschland,” Archiv für Sozialgeschichte 16 (1976): 137.
116 Rolf Engelsing, Analphabetentum und Lektüre. Zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutschland zwischen feudaler und industrieller Gesellschaft (Stuttgart: Metzlersche, 1973) 105.
anreizte.117 In der modernen Produktionsphase der Industrialisierung war es dann die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften, die die Alphabetisierung weiter beförderte.118 Zu dieser Zeit war aber nicht mehr nur die Lesefähigkeit Erfordernis, sondern auch eine Grundbildung. In den 70er Jahren kam noch ein weiterer Aspekt der Ausbreitung der Alphabetisierung hinzu, nämlich die Einführung der Stahlfeder im Schulunterricht, wodurch nicht mehr nur das Lesen, sondern damit zusammen auch das Schreiben gefördert wurde.119 Die Alphabetisierung vollzog sich trotz dieser Entwicklungen natürlich in den verschiedenen Regionen abhängig vom Grad der
Industrialisierung und Urbanisierung, Bevölkerungsdichte und Konfession unterschiedlich.
Die Lesefähigkeit war nur eine Grundbedingung zur Herausbildung eines breiten
literarischen Publikums, denn Lesefähigkeit bedeutete noch keineswegs Literaturfähigkeit. Nach Hans Norbert Fügen besteht Lesefähigkeit im Zusammenhang mit Literatur darin, „die
Vertrautheit mit dem Kulturmuster Literatur zu besitzen oder lernen zu können”.120 Die allgemeine Schulpflicht wurde zwar in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in jedem Staat des Deutschen Bundes, und dann einheitlich im Kaiserreich eingeführt, jedoch gab es den
Literaturunterricht nur in den Gymnasien und Realschulen, die von einem sehr geringen Anteil der Bevölkerung, vor allem von den Kindern des Bildungs- und Wirtschaftsbürgertums besucht wurden. Die Volksschulen boten Elementarbildung (Lesen, Schreiben, Rechnen) und wurden als eine „Schule des rechten Verhaltens” angesehen,121 in der literarische Texte hauptsächlich zum
117 Schön 50.
118 Engelsing 105.
119 Engelsing 126.
120 Hans Norbert Fügen, Die Hauptrichtungen der Soziologie und ihre Methoden (Bonn: Bouvier, 1964) 170, zitiert nach Langenbucher, Publikum 54.
121 Eva D. Becker, Literarisches Leben. Umschreibungen der Literaturgeschichte (St. Ingbert: Röhrig, 1994) 112.
Zweck religiöser und patriotischer Erziehung benutzt wurden.122 Die Bildungsvereine spielten in der Grundausbildung des Volks auch eine wichtige Rolle. Sie boten nicht nur eine
Elementarbildung (Lesen, Schreiben, Rechnen, Mathematik, Geschichte, Gesang, Turnen mit Schwerpunkt am Fachunterricht) an, sondern wirkten auch in der Verbreitung von Lektüren durch die Gründung von Volksbibliotheken mit.