VI. Leser und Leserbeziehungen in Fontanes Werken
6.3 Fontanes intendierte Leser
wird somit der Leser bei Fontane zum mündigen, urteilsfähigen Rezipienten. Im Zusammenhang mit den Aufführungen der Naturalisten auf der Freien Bühne formuliert er sogar den Wunsch, ein Publikum zu haben, der sich bereit erklärte, aktiv und urteilend an den Stücken der neuen Geschmacksrichtung teilzunehmen:
Es sollte der Versuch gemacht werden, an Stelle von Stücken alten Geschmacks Stücke neuen Geschmacks vorzuführen und ein Publikum, das sich bereit erklärt hatte, diesen Versuch unterstützen zu wollen, sollte dabei sein, sollte ja oder nein sagen, sollte annehmen oder verwerfen. Niemand war zu sichrem künstlerischen Genuß eingeladen, nur zur Feststellung oder kritischen Betrachtung strittiger Fragen und zu Gerhard Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« Stellung nehmen zu können, musste für das Publikum der Freien Bühne zur Genugtuung und Ehre werden, gleichviel ob es in die Lage kam, Verwerfung oder Zustimmung
auszusprechen. Wer als Sicherheitskommissarius ins Theater gehen will, hat, bei Schiller und Shakespearestücken, Gelegenheit genug dazu, wer aber vorhat, neugierig und mutig ins pfadlose Meer hinauszusteuern und nach neuen Inseln zu suchen, der muß darauf gefaßt sein, ebenso gut Caliban wie Miranda zu finden.407 Ähnlich wie diese Forderung an ein Theaterpublikum, das sonst an klassischen Stücken geschult war, für Innovationen auf der Bühne offen zu sein, verlangte Fontane mit seiner Darstellungstechnik und Sprachgebrauch dieselbe Offenheit für Experimente in seinen
Gesellschaftsromanen Effi Briest und ganz ausgeprägt in seinen Spätromanen Die Poggenpuhls und Der Stechlin
ideelles Publikum war, wie gesagt, der Adel. Als preußisch-vaterländischer Schriftsteller war Fontane jahrzehntelang ein liebevoller Schilderer des märkischen Junkertums, das zusammen mit den Landpastoren sein Zielpublikum bildeten.408 Erst in seinen letzten Jahren wandte er sich mit immer heftiger Kritik von ihnen ab. Dennoch schildern seine letzten Romane weiterhin ein hauptsächlich adeliges Milieu, natürlich mit Adelskritik, häufig jedoch mit liebenswürdigen Hauptfiguren aus dieser Schicht, so z.B. der alte Stechlin und Barby in seinem letzten Werk Der Stechlin.
Warum hat gerade diese Schicht Fontanes Interesse geweckt? Was war das Besondere an ihr, das ihn dazu veranlasste, sie mehr als 40 Jahre lang in Reise- und Kriegsbüchern, Biografien, Gedichten und in den Romanen darzustellen? Seit seiner Mitwirkung an der Kreuzzeitung war Fontane ein konservativer Denker, selbst in den Jahren als er zeitweilig zum liberalen Publikum zugewandt hatte oder in seinen letzten Jahren, als er den Adel immer heftiger angriff. Im
Vergleich zu den neuen Führungsschichten betonte er ein idealisiertes Bild von der
Menschlichkeit, Einfachheit, und Bescheidenheit der altpreußischen Generationen und hob ihre Taten als Musterbild für das Volk hervor:
Die ganze Welt, man könnte beinah sagen: die Sozialdemokratie mit eingerechnet, hat sich durch gesteigerten Besitz und durch gesteigerte
Lebensansprüche bis zu einer gewissen Bourgeoishöhe, vielfach von greulichstem Protzentum begleitet, entwickelt; aber von der zweiten Hälfte des Weges, von der Entwicklung bis zur Aristokratie, der echten natürlich, wo das Geld wieder anfängt, ganz anderen Zwecken zu dienen als dem Bier- und Beefsteakskonsum – von dieser Entwicklung sind wir weiter ab denn je; weiter als in jenen
Armutszeiten unter Friedrich Wilhelm III., wo es Tausende von höchst
erfreulichen Einzelerscheinungen namentlich im Adel, im Professorentum und unter den Geistlichen gab, Einzelerscheinungen, die derart kaum noch
vorkommen. Was ein Mann wie Krupp tut, vielleicht großartig in seiner Art, ist
408 Vgl. den Brief an Emilie Fontane vom 10. Juni 1884, Von Dreißig bis Achtzig 262-263, sowie an Moritz Necker vom 29. Oktober 1895, Der Dichter über sein Werk II 453.
doch etwas ganz anders und wurzelt verstandesmäßig in sozialer Frage, nicht in einem schönen Herzen und liebevoller Menschlichkeit.409
Andererseits wurzelte sein Interesse für sie ebenso in seiner Liebe zur Geschichte, und diese preußischen aristokratischen Familien hatten alle eine bemerkenswerte Vergangenheit.
Man fragt sich jedoch, wenn Fontane diese Familien so gründlich erforscht hatte, ob es ihm bewusst war, dass diese Schicht – außer den Damen, und denen, die ein Amt innehatten – eigentlich kaum etwas anderes, als was absolut notwendig war, gelesen hat? Darüber hinaus behandelten viele seiner Prosawerke auch Themen wie z.B. Mesalliance oder die harmlose Schilderung der Niedergang dieser Schicht z.B. in Die Poggenpuhls, die die Adeligen empörten oder beleidigten. Für wen hatte Fontane also seine Romane wirklich geschrieben? War der echte Adel, wie er den Begriff einschränkt, nicht nur seine moralische Idealvorstellung, sondern auch sein eigentliches Zielpublikum? Wer waren seine intendierten Leser?
Seine Briefe und Tagebuchnotizen erwähnen verschiedene Lesetypen, etwa den
Durchschnittsleser oder den gebildeten Leser, den literarischen Leser, den aufmerksamen oder richtigen Leser. Der Durchschnittsleser wird z.B. in einer Besprechung von Jean Pauls Dr.
Katzenbergers Badereise zum Vergleich mit dem literarischen Leser angeführt: „Ein guter Durchschnittsleser kann es aber doch nicht mehr lesen; es ist nur noch für literarische Leute von reiferen Jahren genießbar. Diese finden auf jeder Seite ein Goldkorn, das ganz moderne Novellen aufwiegt, und vergessen darüber den ganzen Häcksel, der wirklich nur Pferdefutter ist.”410
Diese literarischen Leser sind anderswo als aufmerksames oder feines Publikum bezeichnet, das ein Gespür hat für die vielen Sprachfeinheiten und Symbolik im Werk:
409 Theodor Fontane, „Brief an Georg Friedländer vom 27. Mai 1891,” Von Dreißig bis Achtzig 347-348.
410 Fontane, Ach es ist schlimm 94.
Wer auf Plots und große Geschehenisse wartet, ist verloren. Für solche Leute schreib ich nicht. Ich fühle, daß nur ein feines, vielleicht nur ganz feines Publikum (der Thiemus’sche eine Leser!) der Sache gerecht werden kann, aber ich kann um den großen Haufen zu genügen nicht Räubergeschichten- und
Aventüren-Blech schreiben. Natürlich gibt es auch höhere Räubergeschichten und vielleicht sind diese das Roman-Ideal. Aber weder die Lust noch das Talent liegt in mir.411
Fontane definiert diese ‚feinen’ Leser nicht näher. Die Beispiele weisen jedoch darauf hin, dass für ihn im Grunde genommen zwei Leserklassen existierten. Für den einen Typ, den Durchschnittsleser war hauptsächlich das Was, also der Inhalt maßgebend. Fontane war er dem
„großen Publikum” gleich, das sich für die Trivialliteratur, also für Liebes-, Räuber- und Abenteuergeschichten und andere Modelektüren oder wie der Dichter es selbst formuliert für
„Kolossalliebe,” „Kolossalmut” und „Kolossalschmerz” interessierte, 412 und all dies in einem
„Marlitt- oder Gartenlaubestil” darstellte, der für alles „einen Ton und eine Form” hatte.413 Zwar äußert sich Fontane nicht näher über diese Leserkategorie, aber die Forschung weist darauf hin, dass der Durchschnittsleser praktisch in jeder Sozialschicht vertreten war, denn er wurde nicht nach Stand, Schicht oder Einkommen, sondern nach Lektüre definiert.414
Zum anderen Lesertyp, zum ganz „feinen” Publikum oder dem aufmerksamen Leser, gehörten diejenigen Leser, die „das Goldkorn,” „die tausend Finessen” in Fontanes Werken entdecken konnten. Für sie war vor allem der Stil, das kunstvolle Wie maßgebend. Interessant ist es dabei, dass Fontane beim Lesen auch außertextliche Bedingungen, wie das Wetter, bei der Erkennung der Nuancen in Rechnung stellte, wie im Zusammenhang der Veröffentlichung von
411 Theodor Fontane, „Brief an seine Frau vom 30. August 1883,” Der Dichter über sein Werk II 329.
412 Vgl. die Briefe Fontanes an Emilie Fontane vom 24. Juli 1883 und an Georg Friedländer vom 12. Oktober 1887, Von Dreißig bis Achtzig 253, 303.
413 Theodor Fontane, „Brief an Gustav Karpeles vom 3. Marz 1881,” Von Dreißig bis Achtzig 227.
414 Rolf Engelsing, Der Bürger als Leser. Lesergeschichte in Deutschland 1500-1800 (Stuttgart: Metzlersche 1974) Sp. 296-297 und John A. McCarthy, „Die republikanische Freiheit des Lesers. Zum Lesepublikum von Schillers
’Der Verbrecher aus verlorener Ehre’,” Wirkendes Wort 29.1 (1979): 31-32.
Irrungen, Wirrungen: „Gott wer liest Novellen bei der Hitze, wer hat jetzt Lust und Fähigkeit, auf die hundert und, ich kann dreist sagen, auf die tausend Finessen zu achten, die ich dieser von mir besonders geliebten Arbeit mit auf den Lebensweg gegeben habe.”415
War das feine Publikum mit dem gebildeten Leser bei Fontane gleichbedeutend?
Keineswegs. Oft äußerte er sich über das gebildete Publikum mit Ironie oder Verbitterung und Resignation. Seine Frau gegenüber hatte er in einem Brief vom 9. August 1882 nach dem Vorabdruck seiner Erzählung Schach von Wuthenow geschrieben:
[...] natürlich muß ich meine Arbeiten an den Mann bringen, weil ich sonst nicht leben kann, so weit ist also die Erfolgsfrage für mich von einer gewissen
praktischen Bedeutung, und es verbietet sich mir aus diesem Grunde, mich
absolut gleichgültig dagegen zu stellen; in allem Uebrigen aber hab’ ich mich von der schafsköpfigsten Schafsköpfigkeit des großen Publikums, am meisten aber der sogenannten »Gebildeten« dermaßen überzeugt, daß Herr v. Thiemus immer mehr mein Ideal wird.416
Deutlicher kann man sich sein Leserideal nicht vorstellen, wobei klar wird, wie er immer resignierter wird, dass sein bevorzugter Leser größten Teils ein Phantom bleibt. Immerhin bildete das gebildete Publikum Fontanes Hauptleser. Wie oben jedoch angedeutet und im vorigen
Kapitel näher erläutert wurde, versuchte Fontane, ähnlich wie einige seiner Vorläufer im 18.
Jahrhundert, sowohl für den Durchschnittsleser als auch für die Gebildeten zu schreiben, um gleichzeitig eine breitere Leserschaft zu erreichen und auch seinen aufmerksamen Lesern ein anspruchsvolles Werk anbieten zu können.417 Auf eine doppelte Codierung und Lesart von Fontanes Erzählwerke hat die Forschung bereits hingewiesen. Beispielsweise erörterte Rudolf Helmstetter vier von Fontanes Werke auf eine naiv-realistische und reflexiv-moderne Codierung hin. Carin Liesenhoffs zwei Lesarten dagegen bezogen auf die Aufbewahrung der
415 Theodor Fontane, „Brief an Emil Dominik vom 14.Juli 1887,” Dichter über sein Werk II 363.
416 Theodor Fontane, „Brief an seine Frau vom 9. August 1882,” Der Dichter über sein Werk II 300.
417 Vgl. John A. McCarthy, „Die republikanische Freiheit des Lesers” 28-43.
gesellschaftlichen Status quo auf der inhaltlichen Ebene der Erzählwerke und die scharfe Gesellschaftkritik in der Tiefenstruktur. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse dieser zwei Interpretationsrichtungen versucht die folgende Analyse herauszuarbeiten, welche Leser oder Lesertypen in Effi Briest dominieren.