V. Fontanes Leser
5.5 Fontanes Beziehung zum weiblichen Publikum
Nun soll Fontanes Beziehung zu einer Publikumsschicht, die den Löwenanteil des zeitgenössischen Lesepublikums ausmachte, näher untersucht werden: die Frauen. Bisher wurden Frauen im Zusammenhang mit Fontane kaum erwähnt, außer von Mathilde von Rohr, der vertrauten Brieffreundin, die Fontane mit Geschichten, Anekdoten und wichtigen Kontakte für seine Wanderungen aber auch für das Erzählwerk versorgte. Die Stiftdame war eine
Verehrerin des Dichters, die Fontanes Werke gut kannte, denn Fontane diskutierte des Öfteren seine Werke mit ihr.356 Fontane pflegte auch gute Beziehungen zu anderen einflussreichen Frauen, wie z.B. zur Schriftstellerin und Journalistin Ludovica Hesekiel, Tochter des Journalisten und Schriftstellers George Hesekiel, die als Rezensentin ihrem Vater bei der Kreuzzeitung folgte. Als Fontane zur Vossischen Zeitung wechselte, nutze er noch seinen guten Kontakt zu ihr, um sein Kreuzzeitungspublikum nicht gänzlich zu verlieren. Sie besprach tatsächlich seine Werke in den darauf folgenden Jahren, und erst nach Graf Petöfy (1884) war dann acht Jahre lang Schluss.357 Ebenfalls die Gattin von Carl Lessing, Redakteur der Vossischen Zeitung und die Ehefrau des Geheimrats Hermann Freiherr von Wangenheim gehörten zu seinen
„Gönnerinnen.” Durch das Ehepaar Wangenheim konnte er bis in die 80er Jahre viele wünschenswerte Bekanntschaften anknüpfen. Diese Frauen waren sicherlich auch seine
Leserinnen, die seine Werke gut kannten und vermutlich mit ihren Freundinnen besprachen und eventuell weiterempfahlen.
355 Hans Otto Horch, „Theodor Fontane, die Juden und der Antisemitismus,” Fontane Handbuch 304.
356 Vgl. Theodor Fontane, Briefe. Vol. 3. Briefe an Mathilde von Rohr (Berlin: Propyläen, 1968) 49.
357 Berbig, Theodor Fontane im literarischen Leben 69.
Bis in die 70er Jahre hatte Fontane wohl noch ein hauptsächlich männliches Publikum.
Dies ergab sich aus der Thematik der Bücher: Balladen, Reiseliteratur und vor allem
Kriegsbücher interessierten eher Männer der gebildeten Schichten. Fontane selbst äußerte sich 1882: „ich zähl es zu den Glücklichkeiten meines Lebens, daß mir speziell aus drei Kreisen, aus dem der Offiziere, der Prediger und der Professoren und Doktoren am meisten Anerkennung zu Theil geworden ist.”358 Doch war er darüber im Klaren, dass er als Berufsschriftsteller ein weit größeres Publikum erreichen müsste, um seinen Lebensunterhalt sichern zu können. Fontanes Schreibstrategien wurden schon in dieser Hinsicht besprochen. Mit seiner Hinwendung zur Novelle und zu den Familienzeitschriften versuchte er, die weibliche Leserschaft dieser Periodika zu erreichen, auch wenn er gegen sie als Publikum schon immer einen Vorbehalt hegte. Davon zeugt sein Brief des Dichters an Gustav Karpeles, Redakteur von Westermann Monatsheften am 30. Juli 1881, in dem er das weibliche Publikum der Gartenlaube in Sachsen und Thüringen ironisch als „marlittgesäugte Strickstrumpfmadame” nannte.359
Dennoch war Fontane unwillig, auf die Gunst dieses Publikums zu verzichten. Der Verleger von seinem Ellernklipp (1881) warb z.B. um das Werk bei den Leserinnen
folgendermaßen: „Wie Fontane’s vorige Weihnachten erschienene ‚Grete Minde’ lassen Sie sich auch diese Novelle des feinsinnigen Dichters als reizende Lektüre für Alt und Jung, besonders Frauen und Jungfrauen empfohlen sein.”360 Ein Jahrzehnt später nach der Publikation von Irrungen, Wirrungen schrieb Fontane im Zusammenhang mit der
Veröffentlichungsschwierigkeiten von seiner nächsten Novelle Stine: Er weiß, dass er mit Arbeiten wie Stine „kein Schriftsteller für den Familientisch mit eben eingesegneten Töchtern
358 Theodor Fontane, „Brief an Wilhelm Jensch vom 13. Dezember 1882,” Dicher über sein Werk II 316.
359 Zitiert nach Berbig, Theodor Fontane im literarischen Leben 239.
360 Zitiert nach Gerhard R. Kaiser, „’Das Leben, wie es liegt’ – Fontanes L’Adultera. Realismuspostulat, Aufklärung und Publikumserwartung,” Text – Leser – Bedeutung. Untersuchungen zur Interaktion von Text und Leser, ed., Herbert Grabes (Grossen Linden: Hoffmann Verlag, 1977) 112.
ist”, aber er möchte nie etwas schreiben, dessen er sich schämen müsste, um nur dem Durchschnittsgeschmack zu gefallen.361 Also schrieb Fontane Frauennovellen und Romane sowohl für den Durchschnitt als auch für die Gebildeten. Große Verkaufserfolge, wie seine Konkurrenten Marlitt oder Eber-Eschenbach konnte er allerdings nicht erzielen. Dass er Frauen jedoch erreicht hatte, bezeugen unter anderem einige Briefe und Tagebucheintragungen, in denen Fontane über bemerkenswerte Leserbriefe oder Begegnungen mit Frauen, die sich auf seine Werke beriefen, sporadisch berichtete. Als sein erster Roman erschienen war, antwortete er auf die Glückwünsche von Ludovika Hesekiel, dass er ein Paar Zuschriften ähnlichen Inhalts sämtlich von Damen erhalten habe.362 In einem anderen Brief erzählte Fontane seiner Frau verdrießlich in Bezug auf den Vorabdruck seines Romans Schach von Wuthenow (1882) über ein Treffen mit der Frau des Maler-Professors Michael. Die Vossin zeigend sagte diese dem Dichter:
„Eben hab’ ich von Ihnen gelesen; sehen Sie, hier; [...] Aber das Urtheil: »es ist so spannend, man kennt ja alle Straßennamen« hat doch einen furchtbaren Eindruck auf mich gemacht.”363 Hinsichtlich des Romans Cecile (1886) erwähnte er, er habe Freiexemplare an ein Paar Damen von bürgerlicher und adeliger Herkunft geschickt und Antwortbriefe bekommen.364 Im
Zusammenhang mit Irrungen, Wirrungen kam es sogar zu einem peinlichen Vorfall, als eine Dame (nach Fontane eine Schwindlerin) von unbekannter Herkunft den Dichter aufsuchte und eine furchtbare Szene machte. Sie behauptete, sie sei Lene, und Fontane hätte ihre Geschichte geschrieben.365 Insbesondere aber nach der Veröffentlichung von Effi Briest nahm die
Korrespondenz mit der weiblichen Leserschaft deutlich zu. Sympathisierend mit Effi drückten
361 Theodor Fontane, „Brief an Joseph Kürschner vom 20. Januar 1888,” Dicher über sein Werk II 381.
362 Theodor Fontane, „Brief an Ludovika Hesekiel vom 19. Februar 1878,” Dicher über sein Werk II 210.
363 Fontane, Dicher über sein Werk II 300-301.
364 Fontane, „Tagebuch vom 18. November-31 Dezember 1885,” Dicher über sein Werk II 341, und „Brief an Josephine von Heyden vom 27. April 1887,” Dicher über sein Werk II 354.
365 Theodor Fontane, „Brief an Paul Schlenther vom 14. und 20. September 1887,” Dicher über sein Werk II 370.
sie ihren Beifall aus, schickten Rezensionen, verurteilten Instetten, usw.366 Dieser Beifall drückte sich auch in den Auflagezahlen aus, denn dieser Roman war zu Fontanes Lebzeiten das
erfolgreichste Werk, das im Vergleich zu den anderen Büchern, die sich nur schleppend verkauften, bereits im ersten Jahr es zu mehreren Auflagen brachte.367
Von einem Frauenpublikum Fontanes zeugen ebenfalls die wenigen Angaben zu den Ausleihen aus Leihbibliotheken. In den gehobeneren Leihbibliotheken, wie Borstells
Leihbibliothek und die Behrendtsche Buchhandlung in Berlin, Lasts Literatur Institut in Wien, und die Nordmeyersche Leihbibliothek in Hannover, deren Hauptpublikum Damen aus den mittleren Schichten bildeten, gehörte Fontane in den 90er Jahren zu den Erfolgsautoren mit den meistgelesenen Büchern. Darüber hinaus zählte Fontanes Effi Briest um 1896 zu den beliebten Damenlektüren in Wien.368 Aus diesen spärlichen Quellen sollte man natürlich nur mit Vorsicht Schlussfolgerungen über Fontanes Frauenpublikum ziehen. Man sieht immerhin, dass sich ein bestimmter Kreis der weiblichen Leserschaft für Fontanes Werke interessierte und sie bei der Bestimmung von Fontanes aktuellem Publikum nicht außer Acht gelassen werden dürfte.