III. Literaturverbreitung
3.3 Literaturdistribution
Richtung zu versorgen, sondern auch neue Leser—potenzielle Wähler—zu gewinnen.139 Letzteres war deshalb äußerst wichtig, weil die üblichen Kommunikationsorgane der Parteien und Verbände für die Wählerschaft unzureichend waren.140 Eine weitere Tendenz war der Aufschwung im Bereich der Fachzeitschriften, vor allem in den technischen und
naturwissenschaftlichen Periodika. Infolge der Industrialisierung zeichnete sich auch eine Spezialisierung auf allen Gebieten der Wirtschaft ab, die bald auch die Gründung von
Gewerbevereinen betraf. Diese Vereine hatten die Aufgabe, das Fach- und Berufsinteresse zu pflegen, wozu sie auch spezialisierte Fachorgane brauchten. So begann ein rascher Ausbau der wirtschaftlichen, und wissenschaftlichen Fachzeitschriften.141
dieser Institutionen lag in der Volks- und Arbeiterbildung sowie in der Vermittlung von anspruchsvoller klassischer und moderner Literatur.
Die Zahl der Buchhandlungen war im Verhältnis zu den Leihbibliotheken relativ groß.
Im Jahre 1865 gab es zum Beispiel 3079 Buchhandelsbetriebe im weitesten Sinne und 617 Leihbibliotheken sowie 310 Journal-Lesezirkel. Diese Zahl stieg im Jahre 1880 auf 5410 Buchhandelsbetriebe, 1056 Leihbibliotheken und 642 Journal-Lesezirkel.142 Trotzdem war ihr Einfluss in der zweiten Hälfte im Gegensatz zur Kolportage und den Leihbibliotheken, die die neue Lesemasse bedienten, gering. Die Kaufkraft und Bereitschaft des Publikums, Bücher zu kaufen war bescheiden, und die buchhändlerische Vertriebsform des Konditionsverkehrs und der Ansichtssendung des Buches hinderte den Buchhandel eher, als ihn zu befördern, dies vor allem vor 1870.143 Wegen der Gefährdung ihres Geschäfts waren viele Sortimenter gezwungen, ihrer Buchhandlung eine Leihbibliothek, Schreibwaren- und Papierhandlung, Buchbinderei, oder einen Kolportagevertrieb usw. anzuschließen.144 Erst mit der Körnerschen Reform im Jahre 1887, die einen vom Verleger bestimmten Ladenpreis vorschrieb, der für alle Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz einheitlich verbindlich war, verbesserte sich die Lage der Buchhandlungen allmählich.145
Die Leihbibliotheken erlebten ihre Blütezeit bereits vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Vormärz, in den 1870er Jahren setze allerdings schon ihr Niedergang an. Dennoch
142 Langenbucher, Demokratisierung 22, 25.
143 Reinhard Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels (München: Beck, 1991) 240-242. Wittmann erklärt den Konditionsverkehr folgendermaßen: Die Neuerscheinungen wurden in die Buchhandlungen geschickt und durch den Buchhändler zur Ansicht an ein potenzielles Kaufpublikum weitergeschickt. Beim Verkauf eines Buches erhielt er einen Rabatt. Was er nicht verkaufen konnte, konnte er an den Verlag auf eigene Kosten zurückschicken. Mit der Verbilligung des Buchdrucks ging es den Buchhandlugen auch nicht viel besser, denn die Verleger verkauften die Restexemplare an Antiquare und Büchertrödler weiter, die die Bücher zu Spottpreisen verkauften. So war der Buchhändler nach Augenzeugenbericht aus dem Jahre 1866 nur dazu da „die neuen Bücher durch Versand bekannt zu machen. Was seinem Kunden davon gefällt, notiert sich dieser und bestellt es sich vom Antiquar, sobald er es in einem antiquarischen Catalog findet.” (zitiert nach Wittmann, Geschichte 242).
144 Wittmann, Geschichte 243.
145 Wittmann, Geschichte 244.
war ihre Wirkung auf die Entwicklung des Buchmarkts und Geschmacksbildung des
Lesepublikums auch noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beträchtlich. Im Vormärz wurde Dreiviertel aller Belletristik in Leihbibliotheken verfügbar. Sie wurde somit der wichtigste Vermittler der leichten Unterhaltungsliteratur und sicherte den meisten Schriftstellern ihre
Existenz.146 Zur Krise der Leihbibliotheken kam es in den 70er und 80er Jahren des 19.
Jahrhunderts. Einerseits wegen des Aufkommens der Familienzeitschriften und Zeitungen, wo Romane vorabgedruckt wurden, ehe sie als gebundene Bücher in die Leihbibliotheken kamen.
Andererseits war sie auch eine Folge der Überproduktion von preisgünstigen Romanen, die nun auch von den unteren Schichten geleistet werden konnten. Besonders diejenigen
Leihbibliotheken, die hauptsächlich Romane führten, gerieten in eine schwierige Lage. Auf neuartige Vertriebswege versuchten Leihbibliothekare neue Leserschichten zu erreichen, wie die Novitäten-Lesezirkel, die vor allem neuwertige Exemplare anboten, oder die Journal-Lesezirkel, die Zeitungen und Zeitschriften verliehen. Diese zwei neuen Organisationsformen konnten sich im Vergleich zu den anderen Leihbibliotheken seit den 1870er Jahren sogar erweitern. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es dann zu einem Wandel auch im Verleihgeschäft. Die Leihbibliotheken wurden teils durch die öffentlichen Bibliotheken, teils durch die aufblühenden Novitätenanstalten allmählich abgelöst.147
Leihbibliotheken im 19. Jahrhundert erschienen oft in einem negativen Licht als Lieferanten leichten „Lesefutters” an ein anspruchsloses Publikum. Ihre Bedeutung für die literarische Öffentlichkeitsstruktur bestand jedoch darin, dass sie vielen Lesern, die sich den Kauf von Büchern nicht leisten konnten, eine relativ billige Lektüre ermöglicht haben. Die
146 Wittmann, Geschichte 253.
147 Georg Jäger and Valeska Rudek, „Die deutschen Leihbibliotheken zwischen 1860 und 1914/18. Analyse der Funktionskrise und Statistik der Bestande,” Zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert, eds.
Monika Dimpfl and Georg Jäger, vol. 2 (Tübingen: Niemeyer, 1990) 199-200.
kleineren Winkelleihbibliotheken mit niedrigeren Abonnementspreisen wurden beispielsweise von den unteren Schichten besucht. Die untersten Schichten, die wegen ihrer Schwellenangst vor dem Eintritt in die Buchläden und die Leihbibliotheken diese vermieden, und Bewohner
kleinerer Dörfern, wo die Gründung einer Leihbibliothek nicht genehmigt wurde, erhielten ihre Lektüre hauptsächlich von Kolporteuren.148 Trotzdem konnten die Leihbibliotheken auf einer breiteren Ebene Wirkung haben. Es gab ohnehin auch gehobenere Leihbibliotheken, die auch von den höheren Schichten frequentiert wurden. Man denke an Lasts Literatur Institut in Wien oder Fritz Borstells Lesezirkel in Berlin. Ihr Hauptpublikum waren die Mittelschichten, vor allem Frauen.
Die wichtigste Konkurrenz der Leihbibliotheken für Kunden aus den niedrigen Mittelschichten und vor allem aus den Unterschichten war die Kolportage. Diese
Distributionsform von Druckwerken war schon seit der Erfindung des Buchdrucks geläufig.149 Kolporteure waren Hausierer, die in Dörfern und Kleinstädten ihre Waren im Abonnement verkauften, wobei die Kunden bei der Entgegennahme einer Lieferung schon die nächste
bezahlen mussten. Die wichtigsten Produkte der Kolportage in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts waren: Periodika (wie die Familienzeitschriften Die Gartenlaube und Über Land und Meer), Pfenningmagazine (z.B. Pfenning-Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse), Sammelwerke (Groschenklassiker, populäre Prosa in Lieferungen),
Kolportageromane, Lexika, Sachbücher (Brehms Tierleben), und verschiedene Artikel, die billig für den Kolportagevertrieb produziert wurden (Hauskalender, religiöse Erbauungsschriften, Schul-, Lieder- und Kochbücher usw.). Das Hauptpublikum der Kolporteure waren die unteren Schichten, vor allem die ländliche Bevölkerung, und nach der industriellen Revolution die
148 Georg Jäger, „Die deutschen Leihbibliotheken im 19. Jahrhundert. Verbreitung – Organisation – Verfall.” IASL 2(1977): 99.
149 Wittmann, Geschichte 250.
Arbeiter, Dienstboten, Handwerker. Die Blütezeit der Kolportage im 19. Jahrhundert erstreckte sich von der Gewerbefreiheit in den 60er Jahren bis in die 80er, als ein Kampf gegen „Schmutz und Schund”, wie die Kolportageromane von den Zeitgenossen bezeichnet wurden, begann. Die Kolportageromane waren Sensationswerke mit Schauer- und Mordgeschichten, Grausamkeit, Gewalt, Erotika usw., die als anspruchslos, unsittlich, und gefährlich verurteilt wurden.150 Demzufolge wurde ein neues Gesetz im Jahre 1883 erlassen, wonach die Kolportageschriften von der Polizei nach Sittlichkeit zensiert wurden, und auch der Gesamtbetrag der zu
verkaufenden Lieferung angegeben werden sollte.151 Dieses Gesetz beschleunigte nur einen Prozess, der eigentlich schon mit der Verbreitung der Post, der die Zeitungen und Zeitschriften ins Haus brachten, und der Entwicklung von öffentlichen Bibliotheken begann: den Niedergang der Kolportage.
Die Bedeutung des Kolportagewesens für das literarische Leben wurde lange Zeit nicht erkannt. Über die negativen Aspekte der Kolportageromane – wie den niedrigen Stil und
anspruchslosen Inhalt – hinweggehend und abgesehen von der Person der Kolporteur selbst, die
„abergläubische Meinungen, unsinnige Prophezeiungen, Anweisungen für schädliche Praktiken”
verbreiteten, betonte Rudolf Schenda ihre positive Wirkung.152 Er unterstreicht ihre Bedeutsamkeit vor allem in der Verbreitung von Lesestoffen in den lesehungrigen
Unterschichten, die vor dem Erscheinen der Massenpresse keine andere Möglichkeit hatten, sich Lektüren zu verschaffen. Der Kolporteur brachte auch wichtige Nachrichten, sowie religiöse und politische Theorien, die der ländlichen Bevölkerung oft verschlossen waren. Wie Schenda darauf hinweist, war diese Wissensvermittlung in dem Sinne wichtig, dass sie mit der neuen
150 Schenda 241-242.
151 Becker 130.
152 Schenda 269.
Information auch die Fähigkeit der Bevölkerung zur Diskussion und geistiger Auseinandersetzung förderte.
Die Anfänge der öffentlichen Bibliotheksbewegung zur Förderung der allgemeinen und literarischen Bildung der unteren Schichten waren langwierig. Auf dem Lande begann sie schon am Ende des 18. Jahrhunderts, als die ersten Dorf- und Bauernbibliotheken auf Anregung der Schullehrer und Geistlichen von aufgeklärten Gutsbesitzern gegründet wurden. Ziel dieser Institutionen war die Bauern „zu veredeln,” Aberglauben abzuschaffen, und sie vor unsittlichen Lektüren zu bewahren.153 Thauer und Vodosek vertreten die Ansicht, dass die Zahl der
Dorfbibliotheken nicht unbedeutend war, jedoch konzentrierten sie sich überwiegend auf drei Staaten: Franken, Sachsen und Thüringen.154 In den Städten wurde der Lektürebedarf des Lesepublikums durch Lesegesellschaften und Leihbibliotheken gedeckt. Die Volksaufklärer haben zwar die Leihbibliotheken wegen ihres Bücherangebotes für Unterhaltung stark kritisiert, und bemühten sich um die Gründung von öffentlichen Bibliotheken mit geeigneter Literatur, ihre Initiative konnte sich zu dieser Zeit noch nicht durchsetzen. Nach der französischen Revolution und den Befreiungskriegen stellte sich die Obrigkeit in der Restaurationszeit sogar gegen die Bibliotheksbewegung, weil diese die Volksaufklärung und Volksbildung förderte. Erst in den 30er und 40er Jahren bekam die Bibliotheksgründung neue Anregung, diesmal in den Städten infolge der Pauperisierung des Kleinbürgertums und Proletarisierung der Städte.155 Diese Schichten verloren auch die wirtschaftliche Grundlage zur Bildung, die weiterhin von den Vereinen gefördert wurden. Als Teil dieses Bildungsprogramms wurden auch die ersten Volksbibliotheken in den 40er und nach der Revolution in den 50er Jahren gegründet. Da die
153 Wolfgang Thauer and Peter Vodosek, Geschichte der öffentlichen Bücherei in Deutschland (Wiesbaden:
Harrassowitz, 1990) 22.
154 Thauer, Vodosek 23.
155 Thauer, Vodosek 30.
Vereine von verschiedenen ideologischen Anschauungen geprägt waren, wie z.B. der Verein vom Heiligen Karl Borromäus, die Bildungsvereine des deutschen Nationalvereins und der Deutschen Fortschrittspartei sowie die Arbeitervereine, so wurden auch die von ihnen
gegründeten Bibliotheken im Bestand und Benutzerkreis begrenzt. Gemeinsam an ihnen war nur die Forderung nach verbesserter Volksbildung, die z.B. die leichten Unterhaltungslektüren der Leihbibliotheken und der Kolportage ausschloss. Dieser Prozess von Vereins- und
Bibliothekgründungen wurde im Jahre 1854 mit der Einschränkung des Vereinsrechts wiederum gehindert. Die Wirkung der Vereinsbibliotheken war sehr bescheiden, denn sie waren schlecht finanziert und so wurden „die Ausleihzeiten [...] eingeschränkt, der Buchbestand ungenügend, und fast immer zufällig zusammengewürfelt, mit viel totem Ballast.”156 Erst die
Bücherhallenbewegung der 90er Jahre nach dem Muster der angelsächsischen „public libraries”
brachte einen entscheidenden Wandel in der Bibliotheksbewegung, die Bibliotheken für alle Schichten der Bevölkerung gründeten, und in denen auch der Bedarf des ganzen Volks berücksichtigt wurde, so auch der Bedarf an Unterhaltungsliteratur. Ihr Einfluss auf die Geschmacksbildung des Publikums war im Vergleich zu den Leihbibliotheken und der Kolportage limitiert.