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Untere Mittelschichten: Kleinbürger

Dalam dokumen Theodor Fontane und das Publikum FINAL (Halaman 84-88)

IV. Der historische Leser in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

4.4 Untere Mittelschichten: Kleinbürger

heutzutage aber ist es eine Unmöglichkeit.”195 Nur die Arbeiterelite war es, die nicht nur relativ viel las, sondern auch anspruchsvollere Lektüre, u. a. klassische und sozialwissenschaftliche Bildungsliteratur.

„Mittelständischen,” in der Lebenslage und Lebensführung, in der konservativen, antiliberalen Mentalität und dem Abgrenzungswille nach unten wie nach oben. Von den Unterschichten unterschieden sie sich durch ihre Bürgerlichkeit, Betonung der Bildung, Berufstradition und Lebensstil. Außerdem waren sie seßhafter und legten großen Wert auf Stabilität und Ordnung.

Dazu gehörten auch ein eigenes Haus mit einem autoritären Vater, sowie das Ideals des Familienglücks mit der Mutter als zentrale Figur der Familie. Frauen wurden von der

Erwerbstätigkeit freigestellt und gaben sich ganz dem Haushalt und der Kindererziehung hin.

Die Kindererziehung zielte auf Pragmatismus und Nützlichkeit. Neben den beruflich nutzbaren Kenntnissen wurden Charaktereigenschaften wie Anständigkeit, Fleiß, Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Zuverlässigkeit und Verantwortlichkeit betont. Hinter dieser Mentalität, hinter der Beharrung auf die alte stadtbürgerliche Welt und der Pointierung ihrer Werte als „Normalmoral der

Gesellschaft,” steckte hauptsächlich die Angst der Kleinbürger vor dem Abstieg bzw. Rückfall in den unteren Stand und der Proletarisierung.199 Es bedeutete aber auch eine bewusste Abgrenzung von den oberen Schichten, vor allem der neuen Bourgeoisie, zu denen die Distanz immer größer wurde. Sie wiesen moderne kapitalistische Verhältnisse, vor allem das Bankkapital, ab, die vielen Kleinbürgern Unsicherheit und Unselbstständigkeit bereiteten. Schutz vor dem Abstieg suchten und erhielten sie von dem autoritären Staat. Die Angestellten bildeten eine Sondergruppe innerhalb des Staates. Sie waren die neue linientreue Schicht des Staates: Arbeitnehmer wie die Arbeiter, aber mit besonderem Arbeitsverhältnis und Versicherungsstatus.

Die Freizeitbeschäftigung der Kleinbürger gestaltete sich ähnlich wie bei den Arbeitern in vielen Aktivitäten im Freien (Sport, Ausflüge) und in Vereinen. Wie Schneider argumentiert, war das Vereinsleben für diese Schicht die bedeutendste Form des Zeitvertreibs und der

199 Wehler 136.

Kulturschöpfung, denn in ihr fanden sie Elemente der früheren Zünfte wieder, wie Integration, Distinktion, Ordnung, Disziplin, und Anerkennung bei Turnieren, die sie für die verlorene Standesehre entschädigen konnte.200

Die Lesegewohnheiten der Kleinbürger waren auch etwas anders als die der Arbeiter. Da ihre Lebens- und Arbeitsumstände etwas besser waren und Bildung eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte, waren auch Bücher Teil ihres Lebens. Sie besaßen nur wenige Bücher, höchstens ein Paar religiöse Werke, Sachbücher oder Reisebeschreibungen. Sie besorgten ihre Lektüre hauptsächlich aus den Leihbibliotheken, vor allem den Winkelleihbibliotheken (kleine Leihbibliothek in einem Marktflecken, meistens mit einem Bestand von veralteter Trivialliteratur) sowie den Volksbibliotheken. Sie machten das Hauptpublikum dieser

Bibliotheken aus. Die Hauptlektüre dieser Schichten in den Bibliotheken war die Belletristik, vor allem Romane, Gedichte, Novellen und Reiseberichte. Die von ihnen bevorzugten

Erfolgsautoren waren u.a. Eugenie Marlitt, Karl May, Sir Walter Scott oder Henry Dumas. Ihre Werke bildeten in den Augen dieser LeserInnen eine edlere Form der Kolportageromane. In diesen Romanen fehlte nämlich die Extremität der Kolportageromane, wie Grausamkeit, Gewalt und Erotik, und die Themen wie Abenteuer, Liebe und Verbrechen wurden immer unter

Wahrung der Sittlichkeit dargestellt. Weiterhin waren in ihnen Familienidylle, Glück, Erfolg und ein Happyend fast obligatorisch. Diese leichte Unterhaltung mit Heiterkeit und Optimismus charakterisierte auch die anderen literarischen Gattungen: Lyrik und Drama. Auf dem Gebiet der Lyrik waren vor allem die einfachen Trink-, Wander- und Kirchenlieder populär. In der

200 Schneider 202.

Dramenkunst wurden von den Kleinbürgern hauptsächlich die leichten Volksstücke, Operetten, Possen, Zauberstücke und Varietés bevorzugt.201

Neben Romanen und Lyrikbänden waren Familienzeitschriften wie Die Gartenlaube, Daheim, oder Westermanns Monatshefte typische Lektürewahl der Kleinbürger. Diese

Zeitschriften, wie im vorigen Kapitel bereits dargestellt, boten bei Förderung der guten Sitten leichte Unterhaltung und nützliche Information aus dem Alltag für die ganze Familie. Zwar herrscht darin eine apolitische Haltung, doch war das Gros dieser Zeitschriften im Grunde genommen patriotisch-nationalistisch gesinnt, auch wenn sie in verschiedene politische und konfessionelle Richtungen tendierten. Ihr Hauptzielpublikum war zwar die kleinbürgerliche Familie, jedoch sprachen sie ein sehr heterogenes Publikum von den gebildeten Arbeitern bis zu den Oberschichten an, denn „die Idee der Familie überbrückte alle Raum und

Standesunterschiede [...], die Probleme und Interessen der Familie sind eben relativ gesehen immer diegleichen gewesen.”202 Die Popularität dieser Zeitschriften beruhte neben ihrer

Themenvielfalt und der vielen Illustrationen auch auf dem Bestreben, ständigen Leserkontakt zu pflegen. Die LeserInnen hatten verschiedene Möglichkeiten ihre Stimmen hören zu lassen:

Leserbriefe, kleinere Schriften, Rätsel, Gedichten wurden von ihnen verlangt und veröffentlicht.

Auch der Ton dieser Zeitschriften war auf das Publikum, und vor allem auf das weibliche Publikum ausgerichtet: ein einfacher, persönlich-vertraulicher Plauderton wurde angeschlagen.

Die untere Mittelschicht, und vor allem die Frauen, bildeten neben Teilen der

Arbeiterschaft das Gros des neuen Massenpublikums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Dem Kleinbürgertum bedeutete die Lektüre einerseits eine wichtige Informationsquelle. Wie gesagt, Beruf, Bildung und Sachwissen war den Kleinbürgern primär. Ferner kamen den

201 Siehe Schneider 204 und 214.

202 Eva-Annemarie Kirschstein, Die Familienzeitschrift. Ihre Entwicklung und Bedeutung für die deutsche Presse (Charlottenburg: R. Lorentz, 1937) 97, zitiert nach Faulstich, Medienwandel 64.

Bedürfnissen und Dispositionen dieser Schicht die Romane und die neuen Medien auch entgegen. Sie vermittelten eine Welt, in der die alten Tugenden und vorkapitalistischen

Lebensformen immer noch positiv gezeichnet, Lebenssituationen angesprochen und Probleme gelöst wurden, die sie auch kannten. Auch Schilderungen exotischer Gegenden kamen vor, die sie von der eigenen oft bedrückenden Realität ablenken konnten.

Dalam dokumen Theodor Fontane und das Publikum FINAL (Halaman 84-88)